"Sex zwischen Himmel und Erde" - Im Interview mit Esther Weinz

29/11/2017 – Autoren im Focus

 

Esther Weinz wurde 1955 in Rheinhessen geboren. Mit 20 Jahren ergriff sie den Beruf der Physiotherapeutin. Mit 30 Jahren begann sie ihre selbstständige Tätigkeit als Körperpsychotherapeutin (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Weinz schöpft ihre Texte aus der Quelle ihres Lebens und dem ihrer Freund*innen und Klient*innen. Sie hörte genau hin und begann so 2005 (erotische) Geschichten aufzuschreiben.
Schon als junge Frau interessierte Weinz die Wechselwirkung zwischen Politik und (Sexual-)Psychologie. Sie sah, dass diese Bereiche sich ständig gegenseitig beeinflussen und sexualpolitische Entscheidungen direkt in unseren Liebeslagern landen. So ist in ihrem ersten Buch eine besonders interessante Mixtur zwischen gelebter Erotik auf einem sexual- und religionspolitischen Hintergrund entstanden.

Die Redaktion von tao.de hat „SEX zwischen Himmel und Erde“ für Dezember 2017 zum „Schatz des Monats“ erklärt.

 

Was sind für Sie die wichtigsten Aussagen in Ihrem Buch „Sex zwischen Himmel und Erde“?

Bei aller Unterdrückung und Gewalt, gerade auch in der Sexualität, ist es für mich sehr wichtig, besonders die „guten Lösungen“ zu fokusieren. Das ist mir ein Herzensanliegen: ohne Beschönigungen die Fakten benennen UND die Auswege in kleinen oder großen Schritten, im eigenen Körper, der eigenen Seele und in den politischen Zusammenhängen zu erkennen. „Schaut her, das sind die Probleme innen und außen und es gibt viele Lösungsansätze!“

 

Welches sind Ihre eigenen Lieblingsstellen in Ihrem Buch?

Es gibt natürlich verschiedene Lieblingsstellen und sie wechseln auch. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann gefällt mir besonders, wie Uhlali das Empfängnislied von Anisa aus den Weiten der jenseitigen Welt hört und es zu singen lernt und damit die Seele von Anisa ruft (ab S. 14).

Ich mag auch immer wieder, wie die leidvolle Geschichte von Elsa positiv endet, sie von ihrer Freundin zum 21. Geburtstag eine Nacht mit einem älteren und erfahrenen Mann mit dickem Bauch „geschenkt“ bekommt und Elsa dann mit Rudolf ihren ersten Orgasmus beim Vögeln hat (ab S. 109).

Dann das Kapitel „Angst frisst die Freude am Leben“ (ab S.118). Das habe ich als letztes ins Buch eingeführt, weil ich eine Sendung bei KenFM über 9/11 und die vielen offenen Fragen dazu, gesehen hatte. Da ist es mir besonders gelungen, die große Welt/Kriegspolitik mit meiner eigenen Angst vor Terror in Verbindung zu bringen und meine Angst auf Grund einer deeskalierenden Information vom Pressesprecher der Münchener Polizei aufzulösen

 

Welche eigene Vision haben Sie, die von Ihrem Buch unterstützt werden könnte?

Meine Vision sehnt sich nach herrschaftsfreien Räumen in allen Ebenen der Gesellschaft. Mit Strukturen, in denen Alternativen gefunden und erprobt werden können, jenseits von kulturellen Hintergründen und sexuellen Präferenzen. Eine Vision, die der menschlichen Sehnsucht nach gleichberechtigten Beziehungen zum größten Wohle aller gerecht wird. Eine Vision, die sich an den menschlichen Grundbedürfnissen und Menschenrechten orientiert. Diese Vison kommt den „wertfreien“ Gedanken der Arnachie sehr nahe. Meine Basis ist meine tiefe innere Überzeugung, dass der Mensch in seinem Kern „gut“ ist. In diesem Kontext habe ich mein Buch geschrieben und damit wird mein Buch auch diese Überzeugungen und Visionen unterstützen und in die Welt tragen.

 

Wann ist der Gedanke gereift, ein eigenes Buch zu schreiben?

Ich habe schon als Schülerin sehr gerne Aufsätze geschrieben und habe mich gefreut, wenn die Lehrer fanden, dass ich kluge Gedanken hatte. 2005 habe ich es mit erotischen Geschichten probiert und sie an wenige Literaturagenten geschickt. Die Reaktionen waren ablehnend. Das hat mich erst mal entmutigt. Dann habe ich mich zehn Jahre sehr intensiv mit Umweltfragen beschäftigt, Artikel und Webseiten dazu verfertigt und dann ein politisches Rezeptbuch und einen autobiographischen Roman begonnen und nicht beendet. Anfang 2016 entstand dann die Idee, ein Buch zu Sexualität im Kontext politischer Zusammenhänge zu schreiben. Diese Idee hat mich dann nicht mehr losgelassen, weil ich viel von meinem Leben und meiner Arbeit und mir als politisch denkendem Menschen einbringen konnte.

 

Wer oder was hat Sie dazu inspiriert und gestärkt?

Inspiriert wurde ich durch ein Intuitonstraining „mein spiritueller Weg“. Im Rahmen dieses Seminars fand ein Coaching statt. Es ging um mein Gefühl, dass ich der „Welt“ mehr geben könnte, als meine Arbeit in der Psychotherapie. Dann kristallisierte sich heraus, dass ein Buch, ein guter Weg sein könnte, mehr in die Öffentlichkeit zu gehen.

Gestärkt wurde ich vor allem durch die Unterstützung von Freund*innen und auch durch Professionals.

 

Welche Erfahrungen beim Schreiben waren für Sie besonders prägend?

Ich liebe es, wenn ich beim Schreiben gut mit meiner Intuition verbunden bin und die Worte fließen. Ich lasse sie fließen und schalte hinterher meinen wachen Verstand ein und sortiere, was für den Text geeignet ist.

Dass mir damit das Schreiben zunehmend mehr Freude gemacht hat, das hat mir gut getan und hat mir geholfen durchzuhalten. Worte ausprobieren und an Sätzen zu pfeilen, bis sie das ausdrücken, was ich fühle und sagen will. Die Freude darüber, wenn es unmissverständlich so dasteht, wie ich es gemeint habe.

 

Welche Ihrer Erkenntnisse sind besonders wertvoll für Neu-AutorenInnen?

Die Zensur im eigenen Kopf nicht zu unterschätzen. Ich habe einige Male Diskussionen mit meinem „inneren Zensor“ geführt, ob ich irgendetwas so radikal schreiben kann, wie ich es gefühlt und gesehen habe. Geholfen hat mir, wenn ich dann intensiv recherchiert habe und auf Aussagen von Menschen gestoßen bin, die Themen genau so ungeschönt sehen, wie ich. Das hat mich in vieler Hinsicht bereichert und mein Selbstverständnis sehr gestärkt.

 

Welche Unterstützung durch tao.de war für Sie besonders hilfreich?

Als mein Buch fast fertg geschrieben war, habe ich ein Kurzgutachten bei tao.de machen lassen. Von Frau Kleinod habe ich mein Buch sehr verstanden und gesehen gefühlt. Das hat mir den Rücken gestärkt.

Im Veröffentlichungsprozess fand ich die zeitnahen und präzisen Antworten auf meine Fragen - besonders von Frau Freier und Frau Dreimann - besonders hilfreich. Ich fühlte mich eingeladen, jede Frage zu stellen und erhielt schnell eine Antwort.

 

Was ist Ihr Lieblingsort zum Schreiben?

Mein großes „Arbeitsbett“ in meinem Arbeitszimmer, mit dem Notebook auf den Beinen, vielen Büchern daneben. Zunehmend nutze ich die Diktierfunktion. Das ist dann noch bequemer.

 

Ihr Buch hat den Untertitel „Befreiung aus inneren und äußeren Zwängen - Wege zur Lust und Liebe, Band 1“. Wann dürfen wir uns auf den zweiten Band freuen und worum wird er hier gehen?

Wenn alles gut läuft, kann der zweite Band Mitte 2018 erscheinen. Zuerst hatte ich das Ganze nur als ein Buch geplant. Dann hatte ich so viel Material, dass ich das in einem Buch für mich und die zukünftig Lesenden schwer zu „verkraften“ fand. An Pfingsten kam der Geistesblitz, doch besser zwei Bände daraus zu machen und ab da lief alles noch leichter.

Inhaltlich geht es um Sexualität im erwachsenen Leben bis zum Sterben. Um den Mut in die Ehe/feste Bindung zu gehen und sich auch wieder daraus zu lösen. Um die besonders mutigen Geschichten, z.B. einer Schutzehe und einem langem Interview mit einer jungen Frau, die aus einem muslimischen Hintergrund kommt und lernt in Freiheit zu leben. Mit Neugier neue Formen des Zusammenlebens und der Sexualität auszuprobieren und zu visionieren. Wie Sex friedensstifend sein kann. In Wandlung treffen wir auf letzte Hormonaufwallungen, Sexualität im Alter und in der Reife, pergamentzarte Haut, Ekstase und Spiritualität. Wir begegnen ostafrikanischer Liebeskunst. Sexualpolitische Hintergründe sowie zarte und wilde Erotik durchziehen alle Kapitel. Der letzte Text endet mit einer meditativen Vision, die mir die Angst vorm Sterben genommen hat. Damit schließt sich der Kreislauf zwischen der speziellen Empfängnisgeschichte aus dem ersten Buch, erstes Kapitel, zum friedvollen Übergang in die nächste Welt.

Ungefähr die Hälfte vom zweiten Band gibt es schon. Ich freue mich darauf, mich wieder in die Schreibarbeit zu vertiefen und vor allem die technichen Erfahrungen einzubeziehen, die ich beim ersten Band gesammelt habe.

Hier geht's zum Buch: