"Notizen eines Gewinners" - Interview mit Gerrit C. Paulson

03/12/2018 – Autoren im Focus

Kurze Vita:

Hinter der persönlichen Geschichte zur Entstehung meines Romans „Notizen eines Gewinners“ steckt sehr viel mehr als die offizielle Beschreibung, wie sie im Buch unter dem Punkt „Über den Autor“ zu finden ist.

Meine Kindheit und Jugend habe ich im kleinen Städtchen Lünen an der Lippe verbracht, knapp 20 Kilometer von Dortmund entfernt. Kurz nachdem ich auf die weiterführende Schule wechselte, wurde bei mir eine Legasthenie (Entwicklungsstörung beim Erlernen des Lesens und Rechtschreibens) festgestellt, die allein den Gedanken an das Schreiben von Texten stets zu einer Qual machte. Zur Überwindung dieses Defizits wurde ich gebeten, bestimmte Regeln zu erlernen und so viel wie möglich zu schreiben. Damals ein vollkommen absurder Gedanke, dass einige dieser niedergeschriebenen Erzählungen eines Tages wirklich zu einem Roman führen könnten. Fünf Jahre später hatte ich die Hürden der Legasthenie überwunden und die Entscheidung getroffen, den Roman zu Ende zu schreiben. Nach vielen inspirierenden Gesprächen und Diskussionen mit spannenden und beeindruckenden Menschen, steht nun mein erster Roman in den Buchhandlungen. Ein unglaubliches Gefühl!

Für mich persönlich ist es mehr als nur ein Buch, mehr als die Worte und Seiten. Für mich ist es eine Reise, das Überwinden von Hindernissen und die persönliche Selbstentwicklung, die mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin.

 

Was ist Ihr Lieblingsort zum Schreiben?

Am kreativsten habe ich mich immer an einem Ort gefühlt, der auf den ersten Blick rein gar nichts mit Kreativität zu tun hat. Im Haus meiner Eltern gibt es ein kleines Zimmer unter dem Dach von vielleicht sechs Quadratmetern Größe, mit einem einzigen kaputten Dachfenster. In den intensiven Schreibphasen habe ich diesen Raum lediglich zum Essen verlassen, ansonsten fühlte ich mich dort so abgeschottet, dass ich meinen Gedanken freien Lauf lassen konnte, während die Wolken über mir an dem Dachfenster vorbeizogen und ich das Summen der Segelflieger am Himmel hörte.

 

Wann ist der Gedanke in Ihnen gereift, ein Buch über das trügerische Glück zu schreiben?

Als Wirtschaftswissenschaftler und Dozent bin ich durchgehend von Themen wie Geld, Gewinnmaximierung und Effizienz umgeben. Wenn ich Studenten Frage, was sie sich für ihre Zukunft wünschen, vereint viele die gleiche Antwort: „Nicht auf den Cent schauen müssen“, „Finanzielle Unabhängigkeit“ oder „Geld verdienen“. Noch interessanter ist es jedoch zu sehen, dass die dahinterliegende Intention eigentlich eine ganz andere ist, nämlich ein glückliches Leben zu führen. Aber woher kommt diese unweigerliche Verknüpfung von Geld und Glück in unseren Köpfen? Schon die beiden Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Angus Deaton haben in einer Studie im Jahr 2010 gezeigt, dass hohes Einkommen keineswegs zu mehr emotionalem Wohlbefinden führt. Mich persönlich hat das Thema schon immer fasziniert, da ich mir bereits öfter die Frage gestellt habe, was denn nun echten Wert im Leben hat. Oft nehmen wir etwas auf den ersten Blick als Glück wahr und hinterfragen gar nicht was dieses vermeintliche Glück mit unserem Charakter macht, wie es uns verändert und ob wir diese Veränderung überhaupt in Kauf nehmen wollen.

 

Inwieweit haben Sie sich selbst schon einmal (unabhängig vom Roman) mit den Schattenseiten des vermeintlichen Glücks auseinandersetzen müssen?

Ich hatte in meinem Leben bis jetzt sehr viel echtes und nur wenig vermeintliches Glück, wofür ich zutiefst dankbar bin. An dieser Stelle auch noch einmal einen ganz herzlichen Dank an meine Familie und Freunde. Ihr seid wirklich wundervoll! Allerdings gab es selbstverständlich auch Situationen in denen mir die Schattenseiten von vermeintlichem Glück deutlich geworden sind. Ich erinnere mich da an eine Situation, in der ich gerade angefangen hatte Wirtschaft zu studieren und als unerfahrener Student auf der Suche nach einem Nebenjob war. Wie der Zufall so spielte, wurde ich gleich mit der ersten Bewerbung bei einem sehr bekannten und angesehenen Unternehmen eingestellt. Der Stundenlohn war passabel und ein guter Eintrag im Lebenslauf war mir sicher. Meine anfängliche Euphorie hat jedoch nicht lange angehalten. Sieben Stunden vor einem donnernden Kopierer stehen und Bücher scannen, die im Anschluss keiner las. Unterlagen ordnen, die zwei Wochen später vernichtet wurden. Excel Tabellen erstellen, die bis heute ganz sicher keiner mehr nach mir wieder geöffnet hat. Ich beschloss zu kündigen und nie wieder Zeit gegen Geld zu tauschen. Um die Geschichte doch noch gut enden zu lassen - nach dieser prägenden Erfahrung habe ich beschlossen nebenberuflich genau das zu machen, was ich immer am meisten geliebt habe: Gitarre spielen! Von da an war ich auf sämtlichen Hochzeiten und Geburtstagen in der Umgebung für die Live-Musik zuständig. Von herzergreifenden Balladen über Popmusik bis hin zu Schlagerklassikern für den Siebzigsten von Opa Heinz. Tatsächlich habe ich dabei sogar erheblich mehr verdient als im Unternehmen und hatte eine der schönsten Zeiten meines Lebens, an die ich mich noch heute gerne mit einem Lächeln im Gesicht zurückerinnere.

 

Was macht Ihrer Meinung nach einen echten Gewinner aus?

Ein echter Gewinner ist für mich jemand, der scheitert und trotzdem weitermacht, vollkommen unabhängig davon zu wissen, ob er jemals gewinnen wird. Jemand, der Mut beweist auch Schwäche zu zeigen und immer in Bewegung bleibt. Jemand, der Rückschläge annimmt als wären sie gut gemeinte Lektionen des Lebens. Ich habe ein Lieblingszitat von Samuel Beckett, das ich treffender finde als jede Beschreibung:

„All of old. Nothing else ever. Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“

 

Welche Erfahrungen beim Schreiben waren für Sie besonders prägend?

Die Erfahrung, dass Gedanken unendlich sind. Wenn man lernt die Phantasie zu kontrollieren führt sie einen wohin man möchte. Sie kann Dich zu einer Person machen, die Du gerne sein möchtest oder Dir die Fähigkeit verleihen, Dich in andere Charaktere hineinzuversetzen. Ich habe die glückliche Erfahrung gemacht, dass man sich beim Schreiben - noch intensiver als beim Lesen - in eine Geschichte hineinfühlen und Sie im Kopf ablaufen lassen kann. Dabei vergisst man manchmal alles um sich herum: Raum. Zeit. Identität.

Schreiben kann eine Art Therapie sein, genauso wie Sport, Gespräche oder Meditation. Und ich glaube das war es für mich auch. Wer das Gefühl hat, dass sich Emotionen angestaut haben, die heraus müssen, sollte den Laptop aufklappen und losschreiben.

 

Was hilft Ihnen bei Schreibblockaden oder kennen Sie derartiges nicht?

Ich muss gestehen, dass ich eher mit intensiven und einnehmenden Schreibschüben als mit Schreibblockarden konfrontiert war. Im Fall meines ersten Romans „Notizen eines Gewinners“ hat sich das Buch regelrecht aufgedrängt und ich hatte eher Probleme, den Drang des Schreibens in manchen Phasen zu kanalisieren. Falls ich mich nicht danach gefühlt habe zu schreiben, wurde der Laptop einfach wieder zugeklappt.

 

Welche Ihrer Erkenntnisse sind besonders wertvoll für Neu-AutorInnen?

Auf der einen Seite bin ich der Überzeugung, dass man Kreativität nicht erzwingen kann. Desto mehr man sich unter Druck setzt, desto schlechter wird die Geschichte. Auf der anderen Seite gehört natürlich auch intensive Arbeit zu einer Veröffentlichung. Daher war für mich eines der wichtigsten Erkenntnisse, dass es vom Schreibprozess, zur Überarbeitung bis hin zur Veröffentlichung ganz verschiedene Phasen gibt, in denen entweder Lockerheit oder harte Arbeit gefragt ist. Wenn ich den Schreibprozess als reine Arbeit angehe, kommt keine gute Geschichte dabei heraus. Wenn ich die Überarbeitung und Veröffentlichung zu entspannt angehe, wird das Projekt niemals fertig. Ob diese Erkenntnis besonders wertvoll für Neu-AutorInnen ist, kann ich leider nicht beurteilen. Für mich persönlich war sie auf jeden Fall sehr wertvoll.     

 

Welche Unterstützung durch tao.de war für Sie besonders hilfreich?

Die Fertigstellung des Buches hatte für mich einen sehr hohen emotionalen Wert, der sich natürlich auch aus meiner persönlichen Lebensgeschichte ergibt. Mit Tao.de bin ich dabei auf einen Partner getroffen, der mit größtem Respekt und viel Empathie auf meine persönlichen Wünsche eingegangen ist. Jeder Autor wird bestätigen können, dass man etwas eigen wird (um es einmal vorsichtig auszudrücken), wenn es um den eigenen Text oder die Covergestaltung des eigenen Buches geht. Ich durfte zwei wundervolle und herzliche Damen im Rahmen des Lektorats und der grafischen Gestaltung kennenlernen, die mir enorm geholfen haben. Ohne die Unterstützung des gesamten Tao.de-Teams wäre das alles nicht möglich gewesen! Vielen Dank!

 

Dürfen wir auf ein weiteres Buch von Ihnen hoffen?

Ich bin tatsächlich selbst gespannt, ob sich weitere Bücher aufdrängen werden. Ein leichtes Kribbeln verspüre ich hin und wieder schon in den Fingern. Falls es soweit sein sollte, findet man mich in dem sechs Quadratmeter großen Dachzimmer mit den vorbeiziehenden Wolken und Segelfliegern über mir.

 

Falls Ihr noch mehr über Gerrit C. Paulson und seinen Roman erfahren wollt, solltet Ihr unbedingt seine Homepage besuchen: www.gerritpaulson.de

 

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