"Krähenschrei" - Interview mit Reinhard Febel

17/04/2018 – Autoren im Focus

Kurzvita:

Reinhard Febel, geboren 1952, lehrt Komposition am Mozarteum in Salzburg. Er ist Stipendiat der Villa Massimo in Rom und Träger des Beethoven-Preises der Stadt Bonn, hat für Musiktheater, Orchester und andere Besetzungen komponiert sowie Libretti, Hörspiele, Geschichten und Romane geschrieben, darunter die Opern Nacht mit Gästen nach Peter Weiss, Morels Erfindung nach Adolfo Bioy Casares und die Trilogie Morde in Bildern nach eigenen Libretti sowie die Romane Die alten Samurai (ein Kriminalroman) und Klang des Verbotenen (eine biografische Fantasie über den Komponisten Domenico Scarlatti), die Kurzgeschichtensammlung Giftiger Fisch und anderes mehr. Febel hat zwei Töchter und lebt bei Salzburg und in Berlin.

 

 

Was ist Ihr Lieblingsort zum Schreiben?

Schwer zu sagen, ganz einfach am eigenen Schreibtisch, dann weiter im Café? Unter einem Baum, mit Blick über einen See? – aber der Lieblingsort ist nicht unbedingt der beste, oder anders gesagt, das Hineinkommen kann ich schlecht durch äußere Umstände erzwingen. Neben dem Schreiben komponiere ich ja auch, und da verhält es sich ähnlich: Manchmal fallen mir eine musikalische Gestalt, ein Motiv, ein Satz oder eine Handlungsidee auch im Kino ein oder vielleicht im Konzert. Wenn ich dann aber einen derartigen Haken habe, an dem ich mich festmachen kann, ist es eigentlich egal, wo ich bei der Ausarbeitung bin.

 

Wann ist der Gedanke gereift, ein eigenes Buch zu schreiben?

Vor langer Zeit schon, ich habe mich da sozusagen hingetastet über Hörspiele und Libretti, die ich für eigene Kompositionen geschrieben habe. Danach entstand die Kurzgeschichtensammlung Giftiger Fisch (als ich noch nicht wagte, eine größere Form zu gestalten), danach als erster Romanversuch Die alten Samurai, eine Art Krimi, sowie Klang des Verbotenen, eine biografische Fantasie über den Komponisten Domenico Scarlatti – und dann letztendlich wollte ich etwas riskieren, das alle Verbindungen zur Musikwelt kappt ...

 

Im Zentrum Ihres biografischen Romans steht das Universalgenie Ikkyu Sojun. Warum haben Sie sich ausgerechnet für diese historische Figur entschieden?

Seit vielen Jahrzehnten beschäftige ich mich aktiv mit Zen, und da ist es offensichtlich, dass man auf diese Person stößt. Es gab aber auch private Gründe: als Kompositionslehrer am Mozarteum bin ich viel unterwegs mit Vorträgen, Konzerten und Workshops und war auch des Öfteren in Japan. Besonders beeindruckt war ich von Kyoto, und so ergab sich durch meine musikalische Arbeit die Chance, die Atmosphäre, das Besondere dieser unglaublichen Stadt mit ihren Tempeln, unschätzbaren Kulturgütern – man denke nur an den Steingarten des Ryoanji-Tempels – und ihrer reichen Vergangenheit an Ort und Stelle zur erfahren. Freundlicherweise durfte ich darüberhinaus ab und zu ein Gästeapartment der österreichischen Botschaft in Tokyo benutzen (der dortige Gesandte fand mein Vorhaben interessant), und so habe ich mich allmählich an die Thematik und den Kolorit dieser Stadt, dieses Florenz des Zen herangetastet. (Mein eigenes Zen ist sicherlich dasjenige eines ganz kleinen Lichtes; ich sitze zwar, wenn möglich, jeden Tag – doch in diesem Zusammenhang ist es mir wichtig, zu betonen, dass ich den Krähenschrei als biografischen Roman geschrieben habe und keinesfalls als jemand, der im praktischen Zen genügend persönliche Erfahrung oder gar Grenzerfahrung vorzuweisen hätte – solches von mir zu behaupten, würde ich nicht wagen und träfe auch nicht zu.)

 

Welche Bedeutung hat Ikkyu Sojun für Sie persönlich?

In seiner Person mischen sich so viele Dinge: insbesondere natürlich die beiden Sphären Kunst und Leben, wenn man das dergestalt verallgemeinern darf. Was hat er zudem nicht alles revolutioniert, oder zumindest frisch angepackt: die Dichtung, die Tuschemalerei, die Baukunst, den Tee-Weg, die Zen-Unterweisung selbst. Ein unglaubliches Universalgenie! Immer wieder habe ich bei ihm an Leonardo da Vinci gedacht. In dieser sozusagen renaissancehaften Vielfalt kann uns Ikkyu auch im Westen nahe sein, denke ich.

 

Inwieweit ist das Wirken des Dichters und Zen-Meisters noch heute zu spüren? Welchen Einfluss übt er auf die literarische und gesellschaftliche Gegenwart aus?

Das ist schwer zu sagen. Jeder kennt in Japan Ikkyu Sojun, aber in einer eigenartigen Verzerrung: er ist dort ein kleines schlaues Bübchen, dem eine beliebte und umfangreiche Animé-Serie gewidmet ist; darin spielt er einen Schelm, der vorlaute Fragen stellt, auf pfiffige Art die Obrigkeit in ihrer Borniertheit bloßstellt, bei Konflikten schlichtet und immer auf der Seite der einfachen Menschen steht, der Bauern, Handwerker und Fischer. Ein sympathisches, aber recht künstliches Bild, das nur eine einzige Facette Ikkyus darstellt, die nicht einmal in diesem engen Ausschnitt ganz mit der historischen Person übereinstimmt: nicht wenige seiner Äußerungen zum Beispiel wären nämlich auch heute noch schockierend und könnten niemals in einer Fernsehserie für die Familie vorkommen! Von solchen respektlosen und aufrüttelnden Schelmereien ist bei zeitgenössischen Chronisten vieles dokumentiert, und mein Text hält sich eng an diejenigen Episoden, die tatsächlich geschehen sind.

 

Welche Erfahrungen beim Schreiben waren für Sie besonders prägend?

Die Schwierigkeit!, – die sich erst allmählich zeigte. Es war eine seltsame und lehrreiche Erfahrung: jahrzehntelang hatte ich ja kompositorisch gearbeitet, und in diesem Metier sind mir vermutlich die meisten Probleme, die während der schöpferischen Arbeit auftreten können, bekannt (und von denen gibt es ja in der zeitgenössischen Musik mehr als genug!). Wenn man dann aber in ein anderes Genre überschwenkt, scheint – so ging es zumindest mir – alles erst einmal leichter und unbelastet zu sein, eben frisch und neu zu entdecken, aber dies stellte sich bald als Trugschluss heraus. Nach einer Weile sieht man eigentlich dieselben Schwierigkeiten vor sich wie zuvor, riesengroß wie gehabt, nur in anderem Gewand, und dann ist es dieselbe Mühe, die es zuvor auch war ... keine Chance also, dem zu entkommen.

Im Ganzen habe ich fünf Jahre für Ikkyu gebraucht, habe mehrere Versionen begonnen und auch wieder verworfen, zum Beispiel diejenige, in der es eine Parallelhandlung im heutigen Kyoto gegeben hätte, welche als Text schon weit fortgeschritten war, und ich erinnere mich, wie schwer es mir fiel, diese aus dem Manuskript wieder herauszureißen.

 

Was hilft Ihnen bei Schreibblockaden und kennen Sie derartiges nicht?

Kenne ich eigentlich nicht – das bedeutet natürlich nicht, dass automatisch immer etwas Gutes herauskommt, meine Selbstkritik setzt später durchaus heftig ein, ich werfe vieles weg oder arbeite es zumindest um, siehe oben.

 

 

Welche Ihrer Erkenntnisse sind besonders wertvoll für Neu-AutorInnen?

Tja, schwer zu sagen. Sich dessen bewusst zu sein, was für ein wunderbares Geschenk es ist, eine Geschichte entwickeln zu können, in eine Welt einzutauchen, eine solche gar selbst zu erschaffen und auszuschmücken wie eine eigene, zweite Realität. Praktische Hinweise – dafür bin ich wohl nicht ganz der Richtige, weil ich auch erst auf Umwegen und eher spontan zum Schreiben kam. Mittlerweile gibt es ja auch sehr gute Anleitungen, die einem die wichtigsten Regeln liefern, welche oftmals allerdings, denke ich, so simpel sind, dass es einem wie Schuppen von den Augen fällt, wenn man bestimmte Grundregeln endlich verinnerlicht hat, wie zum Beispiel: alle unnützen Adjektive weglassen!, schmucklos schreiben, dem Sprachrhythmus folgen, aber nicht zu sehr, ihm also auch manchmal bewusst entgegen zu schreiben, um Spannung auch im Kleinen zu erzeugen und nicht nur bezogen auf die gesamte Handlung – und so weiter; aber wie gesagt, dazu bin ich wohl nicht der Richtige.

Doch, eines vielleicht, was ich schon von meiner Kompositionsarbeit her kenne: Wenn dein Bauch sich meldet und das diffuse Gefühl im Hintergrund aufsteigt da stimmt etwas nicht – sei es im Bezug auf die Geschichte, die Form, den Wortschatz oder worauf auch immer –, dann höre rechtzeitig hin und gehe der Sache nach, anstatt stur weiterzubasteln. Das Bauchgefühl, finde ich, irrt sich nie. Vielleicht ist das eine Binsenweisheit, aber zumindest beim Komponieren hätte ich mir viele Irrwege ersparen können, hätte ich immer auf meine Zweifel gehört und meine trügerische Sicherheit im richtigen Moment abgelegt.

 

 

Welche Unterstützung durch tao.de war für Sie besonders hilfreich?

Alles, eine wunderbare Führung durch die Vorbereitung und Veröffentlichung des Buches, einfühlsam und mit allem fachlichen Kommentar und ohne Eingriffe in die eigene Arbeit – einfach hervorragend!

 

 

Dürfen wir auf ein weiteres Buch von Ihnen hoffen?

Projekte gibt es mehrere, die auch teilweise schon weiter fortgeschritten sind, unter anderem eine zweite Kurzgeschichtensammlung namens Schöpfung Plan B sowie eine weitere Romanidee, aber da bin ich noch am Planen. Die Geschichte soll in der Zukunft spielen.

Gleichzeitig geht aber auch meine kompositorische Arbeit weiter: momentan arbeite ich an einen Zyklus für Sängerinnen und Instrumente nach Gedichten von John Keats, und einen weiteren Opernplan gibt es auch: Purpursegel, nach einem Sujet von Alexander Grin, einem Schriftsteller des Russland nach der Revolution, der sich eine neue Gesellschaftsform erträumen wollte und damit scheiterte.

Aber trotz all dieser Pläne bin ich ein eher langsamer Arbeiter und habe daneben ja auch eine Kompositionsklasse am Mozarteum zu betreuen, was mir große Freude macht!

 

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