"Kopfsprung ins Herz" - Rückblick und Ausblick

12/09/2018 – Autoren im Focus

 

Im September 2017 sprengte Gerald Ehegartner das Schulsystem. Seitdem ist man sich einig: Schulen brauchen mehr Coyoten und Humor! Nun jährt sich die Veröffentlichung und wir sind neugierig: Wie ist es Gerald Ehegartner seit der Veröffentlichung ergangen? Inwieweit hat sich das Schulsystem seitdem gewandelt und in welchen Bereichen besteht noch Handlungsbedarf? Wir haben den Autor und Naturpädagogen dazu befragt. 
Ein Rückblick und Ausblick mit dem Erfinder des Coyoten: 

 

Vor gut einem Jahr erschien Ihr intelligentes und humorvolles Buch „Kopfsprung ins Herz“ bei tao.de. Was hat sich seitdem für Sie verändert?

 

Es dauerte nicht lange und mein Buch wurde nach dem Erscheinen als Bestseller beim Internet-Giganten Amazon geführt - über mehrere Wochen hinweg. Thalia Österreich nahm letztes Jahr mein Buch in das Sortiment jeder Filiale auf. Das hat mich natürlich sehr gefreut.
Ich wurde dann auch in die „Akademie für Potentialentfaltung“ von Prof. Gerald Hüther eingeladen.
Es folgten Lesungen. Die erste hielt ich in meiner Heimatgemeinde Dietach vor ca. 80 Leuten. Einige Zeit später lernte ich in der „Akademie f. Potentialentfaltung“ die Neurobiologin und Psychologin Elisabeth Uttenthaler kennen. Sie war von „Kopfsprung ins Herz…“ begeistert, wir verstanden uns auf Anhieb – und so touren wir seit Monaten immer wieder durch Österreich und kombinieren mein Buch mit den neuesten Erkenntnissen der Neurobiologie. Der rote Faden ist die Inspiration zur Entfaltung des eigenen Potentials.
Letzten Herbst erhielt ich plötzlich einen Anruf von Nadja Hillgruber aus der Schweiz. Eine Mitarbeiterin war von „Kopfsprung ins Herz …“  so begeistert, sodass Frau Hillgruber unbedingt ein Interview für das tolle Magazin „Feuervogel“ bzw. „Infothek Waldkinder“ führen wollte. Dieses Interview war eigentlich der Startschuss für viele weitere Interviews. Mittlerweile schreibe ich
selbst Artikel für verschiedenste Magazine und Zeitschriften – besonders zu den Themen Schule, Lernen, Humor, Spiritualität und Natur.
Also, es hat sich einiges verändert und spannende Türen haben sich geöffnet.

 

Sie haben mit Ihrem reformpädagogischen Ansatz der „Herzensbildung“ viel in Bewegung gebracht. Wie erleben Sie selbst die positive Resonanz?

Mir wurde und wird immer wieder gesagt: Endlich etwas Neues und Erfrischendes zum Thema Schule. Dieses Thema brennt ja derzeit wieder stark unter den Fingernägeln – und ich wollte es mal von einer ganz anderen Seite angehen. Nicht nur inhaltlich – sondern auch formell. Ich glaube, es ist mit viel Humor und Wärme geschrieben. Die Lösungsansätze sind ungewöhnlich und die Verpackung als Geschichte auch.
Viel zu lange hatten wir uns ja in einer Strukturdebatte verloren, eigentliche Inhalte außen vor gelassen.
Wenn ich eine Vision zur Schule habe, dann jene, dass Lehrer, Lernbegleiter, Coaches – wie auch immer – liebende, herzliche, begeisterte, beseelte, humorvolle und hoch interessierte Menschen sind. Die großartigsten Charaktere sollten doch am besten LehrerInnen werden.
Genau dann würde sich Schule ändern – und auch die Gesellschaft. Das ständige Herumdrehen und Perfektionieren der Strukturschrauben kann nur zweitrangig sein. Wir versuchen so, ständig das Pferd von hinten aufzuzäumen.
Das betrifft übrigens nicht nur die Schule. Das Buch führt ja auch weit über die Schulwelt hinaus.
Und genau dieser etwas verrückte, lebendige Ansatz scheint zu inspirieren und den Nerv vieler zu treffen.
Ich bekomme Anfragen für Interviews, Zusendungen bewegter LeserInnen per email oder facebook usw.
Da weiß ich dann, warum ich das Buch geschrieben habe.


Sie haben zu Ihrem Buch sehr viele Rückmeldungen und Rezensionen erhalten. Gibt es welche, die Sie besonders gefreut haben?

Da gibt es viele, die mich erfreuten und auch berührten.
Prof. Gerald Hüthers Worte zum Buch haben mich aber ganz besonders berührt:
„Hier ist mal eine ganz andere Art von Schulkritik, viel liebevoller als ich sie bisher hinbekommen habe - und gerade deshalb vielleicht auch viel wirksamer....Es ist nie zu spät, um aufzuwachen und sein Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Mit dieser Ermutigung werden Sie sich auf den Weg machen, nachdem Sie dieses Buch gelesen haben.“
 

Mit „Kopfsprung ins Herz“ sprengten Sie im September 2017 das Schulsystem. Inwieweit hat es aus Ihrer Sicht eine positive Entwicklung im Bildungssektor gegeben? 

 

„Kopfsprung ins Herz …“ ist ja unter anderem davon beseelt, einer erkaltenden Schulwelt, deren Währung die „Kompetenz“ geworden zu sein scheint, Herzlichkeit, Humor, Empathie usw. entgegenzuhalten.
Wir brauchen hier quasi einen Währungswechsel. Derzeit gibt ein neoliberales Diktat immer stärker den Takt vor. Auch die Schule wird vermehrt nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt, der Vermessungs- und Optimierungswahn hält schon länger Einzug in diese.
In Wahrheit brauchen wir aber eine natürliche, eine organische Schule – mit dem Leben verbunden.
Wir brauchen keinen ausgeklügelten Kompetenz-Katalog. Wir stehen als Gesellschaft vor ganz anderen Problemen, die nicht nur die Existenz von unzähligen Lebensformen bedrohen - sondern auch unsere eigene.
Wenn wir schon den Begriff Kompetenz verwenden, dann würde ich zuallererst zwei Kompetenzen vermitteln: „Herzens- bzw. Friedensbildung“ und danach „Naturvermittlung“. Wir brauchen junge Menschen mit einer Liebe zu sich selbst, zum Leben auf diesem Planeten – die dann auch bereit sind, aufzustehen und mit viel Fantasie und Geschick anzupacken.   
Es gibt aber auch gelungene Beispiele, wunderschöne Oasen und neue Bewegungen innerhalb der schwierigen Bildungslandschaft. Ich denke da zum Beispiel an die „Achtsamkeitsbewegung“, die auch die Pädagogik erfasst hat. Oder Schulfächer wie „Glück“. Oder die Bewegung „Schule im Aufbruch“, die Schulen inspirieren und vernetzen konnte und kann. Oder den vermehrten Transfer neurobiologischer Erkenntnisse, die dem organischen Lernen das Wort reden, in den Unterricht.
„Kopfsprung ins Herz – Als Old Man Coyote das Schulsystem sprengte“ ist wohl auch eine kleine Inspirationsquelle, ein Löwenzahn, der durch die Asphaltdecke bricht, ein Wurm im Gebälk des
Systems, ein Tanz von Licht durch die Ritzen einer erstarrten Schulwelt.
Ein großer Schlüssel wird letztendlich lebendige Spiritualität sein – eine Hinwendung nach innen und eine große Liebe für das Leben. Wir müssen begreifen, dass wir mit allem verbunden sind. Das ist der Sprung vom Kopf ins Herz, der unseren Dreh- und Angelpunkt ver-rückt. Und nur so werden wir den Karren aus dem Dreck ziehen können.
Die Sprengung des Schulsystems erfolgt übrigens im Buch auf eine ganz andere Art und Weise, als man es sich vielleicht vorgestellt hatte.

 

Integration ist seit einiger Zeit ein großes Thema in Deutschland.  Mehr als 320.000 geflüchtete Kinder und Jugendliche sind in den vergangenen zwei Jahren an deutsche Schulen gekommen. Noch immer sind Lehrer mit dieser Situation maßlos überfordert, da es an notwendigen Fortbildungen und Fachkräften mangelt. Wie gehen Sie als Lehrer mit dieser schwierigen Situation um und welche Tipps haben Sie für Ihre Kolleginnen und Kollegen?

 

Das ist eine ungemein schwierige Frage. Die Themen, die sich mit der Zuwanderung stellen, sind enorm vielfältig und nicht einfach zu beantworten. Von betroffen machenden Geschichten Geflüchteter, Ohnmacht gegenüber Behördenwillkür, niederschmetternden Abschiebungen von SchülerInnen, Alltagsrassismus gegenüber Zuwanderern - bis hin zu geflüchteten Schülern, die in Parallelwelten leben, westliche Werte nicht anerkennen, mit dem Islamischen Staat, Al Quaida usw. sympathisieren und Gewalt verherrlichen – du hast hier als Lehrer an manchen Schulen die ganze Bandbreite. Zusätzlich sind Gespräche über diese Themen schwieriger geworden, da sie immer stärker ideologisiert werden. Allzu schnell landet man in einem linken oder rechten politischen Eck – und differenzierte Argumentation scheint derzeit keine Hochkonjunktur zu haben.
Ich denke aber, dass es sehr hilfreich sein kann, gleichgesinnte KollegInnen zu finden – und sich mit diesen auszutauschen. Gerade LehrerInnen an so genannten „Brennpunktschulen“ brauchen jemanden, der sie auch verstehen kann. Ein profundes Hintergrundwissen zu den jeweiligen Kulturen, Religionen usw. kann sehr lohnend sein. Auch vor professioneller Hilfe sollten sich PädagogInnen nicht scheuen – gerade wenn der Leidensdruck groß wird.
Ich würde ebenso eine tägliche Routine des Loslassens empfehlen, des „Sich-nicht-Beschäftigens“ mit all den Themen, die einem im Beruf zugespielt werden - so sehr man auch mitfühlt und sich engagiert. Humor ist dabei auch eine grandiose Fähigkeit zur Selbstdistanzierung.
Oftmals ist dieser wirklich die beste, langfristige Medizin. Beim „Abschalten“ kann auch körperliche Bewegung wie Tanzen, Laufen usw. helfen. Genauso aber auch Musik oder Meditation. Wie auch immer. Eine allgemein gültige Regel wird man aber in diesem Zusammenhang sicherlich nicht finden können.

 

Konnten Sie seit der Veröffentlichung noch weitere Erkenntnisse und Erfahrungen im Bereich Bildung sammeln, die Sie in einem zweiten Buch mit uns teilen könnten?

 

Ja, ich habe das Gefühl, dass da noch ein weiteres Buch auf mich wartet. Momentan beansprucht „Kopfsprung ins Herz …“ noch Zeit – aber danach wird es höchstwahrscheinlich ein weiteres Buch von mir geben.
Ich habe mittlerweile an einer Schule gearbeitet, die sich um schwer erziehbare Jungs annimmt. Hier werden verhaltensauffällige Burschen, die im üblichen Schulsetting nicht mehr tragbar sind, unterrichtet – mit dem Ziel, sie wieder in eine Regelschule integrieren zu können.
Das war eine überaus lehrreiche Erfahrung.
Vor vielen Jahren hatte ich mit einer Kollegin das erste Naturpädagogik-Wahlpflichtfach („Abenteuer Natur“)  in Österreich gegründet. Nun konnte ich es auch an meiner derzeitigen Schule, die inmitten einer wunderschönen Natur gelegen ist, etablieren. „Abenteuer Natur“ zu unterrichten ist eine wundervolle Erfahrung. Das Klassenzimmer ist die freie Natur. Sie ist zugleich auch die wahre Lehrerin in diesen Stunden, die wie im Flug vergehen. Da fühle ich mich sehr privilegiert. :) 

 

Das Lehramtsstudium ist nach wie vor sehr beliebt in Deutschland und der Bedarf an Lehrkräften ist extrem hoch. Was möchten Sie angehenden Lehrerinnen und Lehrern unbedingt noch mit auf den Weg geben?

Ich würde angehenden Lehrerinnen und Lehrern wünschen, Mut dabei zu zeigen, ihren eigenen Weg und Stil zu finden.
Es ist zwar wichtig, sich als Teil eines Lehrerkollegiums zu fühlen – aber es geht nicht darum, sich darin aufzulösen und die eigene Individualität aufzugeben. Viel zu oft gehen neue Beiträge junger LehrerInnen verloren, weil sie sich allzu schnell anpassen.
Ich wünsche auch die Fähigkeit, jeder Schülerin und jeden Schüler auf Augenhöhe begegnen zu können – und im besten Fall die Motivation, dabei zu helfen, das Potential dieser zu verwirklichen.

Ich wünsche eine riesengroße Liebe zu den SchülerInnen bei gleichzeitig gesundem Durchsetzungsvermögen und eine Positivität und Begeisterungsfähigkeit, die nicht „schönredet“ und blind gegenüber Problemen ist, sondern vielmehr nach echten Lösungen sucht.
So wie in der Geschichte meines Buches wünsche ich auch jungen LehrerInnen, dass sie sich
mit Gleichgesinnten zusammenschließen, um Träume und Visionen an der Schule verwirklichen zu können.

 

 

Gerald Ehegartner arbeitete als Musikschul-, Grundschul-, Religions- und Integrationslehrer. Derzeit ist er als Mittelschullehrer tätig.
Er ist Mitbegründer des 1. Österreichischen Naturpädagogik-Wahlpflichtfaches namens „Abenteuer Natur“, Mitglied des „Lernweltteams“ und der „Akademie für Potentialentfaltung“.
Gerald Ehegartner ist ausgebildet in Council, in Theater-, Natur- und Wildnispädagogik und als „Vision quest guide“.
Seine Leidenschaft ist die Begleitung von Kindern und Jugendlichen beim Entwickeln ihrer Potentiale.
„Kopfsprung ins Herz – Als Old Man Coyote das Schulsystem sprengte“ ist sein Debütroman.

www.geraldehegartner.com

 

 

Hier geht's zum ganz besonderen Kopfsprung: