„Freiheit, Kunst und Hühnermägen“ – Im Interview mit Petra Herrmann

30/05/2017 – Autoren im Focus

 

Kaum ein Tag ohne Schreckensmeldung. Die Angst vor Terror und „Überfremdung“ bestimmt die Schlagzeilen, Talkrunden, Politbarometer und auch das persönliche Empfinden. Deshalb ist es Zeit! Zeit für positive news! Es wird Zeit, dass Positives zur Sprache kommt.
Die Geschichte der Freundschaft von Aziz M. und Petra Herrmann geht zu Herzen. Die Erlebnisse des jungen Syrers in seiner neuen Heimat Deutschland, in der fünfköpfigen Familie, in der er längere Zeit lebt, bringen uns zum Lachen, Weinen und Nachdenken.
Das Leben auf einem kleinen Hof im Münsterland mit Pferden, Hunden, Katzen, Schweinen, Kaninchen, Fröschen, vielen Kindern und deren Eltern durch die Augen eines Syrers zu sehen, erweitert den eigenen Horizont, macht nachdenklich, dankbar und lässt uns immer wieder laut auflachen.
„Freiheit, Kunst und Hühnermägen - Geschichte einer ungewöhnlichen deutsch-syrischen Freundschaft“ macht Mut, sich von Angst und Schrecken nicht lähmen zu lassen, sondern seinen Blick offen zu halten für Humor, Freundschaft und Menschlichkeit.

 

Petra Herrmann, Jahrgang `66, hat Religionspädagogik und für das Lehramt Primarstufe studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin und Buchautorin.
Petra Herrmann lebt mit ihren drei Töchtern - Lisa, Marie und Anne - zusammen mit ihrem Mann Matthias in Haltern am See auf einem kleinen Hof. Zahlreiche Tiere, wie Pferde, Hunde, Katzen, Minischweine, Kaninchen und Hühner bereichern das Familienleben.
Ihr Leben ist ein Ponyhof. Sie sagt selbst: "Ich bin jeden Tag dankbar, dass ich so lebe, wie ich lebe."

 

Frau Herrmann, in Ihrem Buch geht es um die „Geschichte einer ungewöhnlichen deutsch-syrischen Freundschaft“. Wie ist diese Freundschaft entstanden?

Im Dezember 2015 wurde in unserer Nachbarschaft eine Erstaufnahmeunterkunft für Flüchtlinge eingerichtet. Aus diesem Grund haben wir ein Willkommensfest organisiert. Bei diesem Fest haben meine Nachbarin und Aziz Facebook-Kontakte ausgetauscht. Aziz war zu dieser Zeit gerade mal zwei Wochen in Haltern am See und erst knapp vier Wochen in Deutschland. Meine Nachbarin hat mir kurz darauf eine Nachricht von Aziz weitergeleitet. Es war ein Bild, ein mit Kugelschreiber auf Styropor gemaltes übervolles Boot; die Menschen ineinander verknäult, die Wellen schlagen hoch. Das Bild hat mich tief berührt. Ich habe es geliked, dem Maler meine Bewunderung ausgesprochen und ihn gefragt, was er im Moment malt. Seine Antwort (wahrscheinlich mit Hilfe des Googleübersetzers): „Ich habe kein Material.“ Kurze Zeit später stand ich mit Leinwänden und Stiften vor seiner Unterkunft. Dem ersten Treffen folgten weitere. Kurze Zeit später zogen die Malutensilien in unser Reiterstübchen, das zu seinem Atelier wurde, und ein oder zwei Wochen später ist Aziz bei uns eingezogen und seitdem gehört er zur Familie.

 

Was macht diese Freundschaft „ungewöhnlich“?

Als erstes finde ich es total erstaunlich, wie gut man sich verstehen kann, ohne die Sprache des anderen zu verstehen. Aziz sprach anfangs nur sehr wenig deutsch. „Guten Tag. Hallo. Wie geht es dir? Wie heißt du? Ich komme aus Syria.“ Viel mehr konnte er nicht. Und ich spreche kein Wort kurdisch oder arabisch. Trotzdem haben wir uns verstanden; mit Händen und Füßen, mit den Augen, ich weiß im Nachhinein selbst nicht mehr genau wie das funktioniert hat. Aber es ging, und zwar problemloser als ich es für möglich gehalten habe. Klar gab es das eine oder andere kleine Missverständnis, aber die sind nicht der Rede wert.

Nicht nur unsere Muttersprachen unterscheiden sich, auch unsere Kulturen. Klar war und ist für Aziz hier vieles fremd und unverständlich. Aber er hat diese Unterschiede nie beurteilt oder gar verurteilt. Es war stets ein interkultureller Austausch auf Augenhöhe.

 

Können Sie die drei wichtigsten Erkenntnisse aus diesem „interkulturellem Intensiv-Austausch“ benennen?

1. Wer einen festen Standpunkt hat, der hat einen eingeschränkten Horizont. Wer zum Beispiel die Diskussion über die Frage nach der idealen Anzahl der Kinder stets nur durch die „deutsche Brille“ betrachtet, läuft Gefahr, etwas kurzsichtig zu sein. Durch Aziz ist mir der Wert einer (Groß-) Familie bewusst geworden. Auch in anderen Diskussionen zum Beispiel über „Pünktlichkeit“, „Erziehung“ oder „Lebensziele“ kann ein anderer Standpunkt den eigenen Horizont enorm erweitern. Der Blick über den eigenen Tellerrand lohnt. Was nicht bedeuten muss, dass ich anstrebe noch sechs Kinder zu bekommen, meinen Terminkalender zu verbrennen oder den Rohrstock zurück ins Klassenzimmer zu wünschen.

2. Für uns ist Freiheit und Sicherheit selbstverständlich. Wir wähnen uns so sicher und frei, dass viele beispielsweise den Gang zur Wahlurne gar nicht mehr antreten. Die Schilderungen von einem Leben ohne Freiheit, mit schlimmen Repressalien und Verfolgung hat mich neu wachgerüttelt. Ich bin froh, dankbar und stolz in einem Land wie Deutschland leben zu dürfen. Freiheit und Sicherheit sind nicht selbstverständlich, sondern ein Gut, für das wir uns jeden Tag neu einsetzen müssen, um es nicht zu verlieren.

3. Es wird viel über Unterschiede gesprochen. Doch gemeinsam ist allen Menschen: Sie möchten in Sicherheit und Freiheit leben. Sie brauchen Respekt, Anerkennung und Wertschätzung. Lachen, Weinen, Freude und Angst, echte Gefühle sind international.

 

Welche Einstellungen und Sichtweisen haben sich durch die deutsch-syrische Freundschaft verändert?

Ich bin etwas entspannter geworden. Ich bemühe mich nach wie vor um Pünktlichkeit, aber ich mache mir nicht mehr so einen Stress. Wenn ich 5 Minuten zu spät zu einem Termin komme, dann ist es meinem Gegenüber wahrscheinlich lieber, wenn ich 5 Minuten entspannt zu spät komme, als 5 Minuten zu spät und völlig gestresst.

Wenn ich anfange „am Rad zu drehen“, dann versuche ich „Inshalar“ zu denken. Ein wenig Gottvertrauen kann zur eigenen Entspannung beitragen. Mir hilft es, wenn ich mir klar mache, dass ich nicht der Nabel der Welt bin, um den alles kreist und mein Beitrag zur Verbesserung der Welt zwar wichtig, aber nicht „heilsentscheidend“ ist.

Außerdem macht mir der Blick in die Krisengebiete dieser Welt klar, dass viele meiner Probleme wahre Luxusprobleme sind. Vegan oder Vegetarier? Ladenöffnungszeiten? Pendlerpauschale? Okay, darüber kann man diskutieren, aber bitte in dem Bewusstsein, dass diese Fragen nicht lebensentscheidend sind. Außerdem  möchte ich für Entscheidungen, die ich in meinem Leben treffen darf – zum Beispiel ob und wohin ich in Urlaub fahre, wie ich meine Wohnung einrichte, welches Auto ich fahre, ob ich überhaupt Auto fahre, ob ich aus der Kirche austrete oder in den Kirchenchor eintrete, für all diese Entscheidungen möchte ich in Zukunft dankbar sein und nie wieder darüber jammern, dass ich mich nicht entscheiden kann. Ich möchte mich über Entscheidungsmöglichkeiten freuen und mich nicht über Entscheidungsdruck beklagen.

 

Was möchten Sie den LeserInnen mit auf den Weg geben? Was ist Ihre Botschaft?

Perspektivenwechsel lohnt sich. Ich finde, es lohnt sich, wenn man sich fragt: Was würde ein Außerirdischer (oder ein Syrer) über diese Situation denken? Wie würde er das Ganze sehen? Das wirft auf Vieles, was uns selbstverständlich erscheint ein neues Licht. Neue Blickwinkel erweitern den Horizont. Nur Mut, es lohnt sich und macht obendrein auch noch Spaß.

Und: Angst haben ist verständlich und normal. Die Frage ist jedoch, wie wir mit Angst umgehen. Wir können uns von unseren Ängsten einschränken lassen, oder wir können sie als Herausforderung verstehen. Wer Grenzen nie überschreitet, betritt nie Neuland.

 

Wie sind Sie zu tao.de gekommen?

Das war Zufall, Fügung oder wie immer man es nennen mag. Ich habe einem Freund das Manuskript geschickt und ihn um seine Meinung gebeten. Er fragte mich kurze Zeit später, ob er meine Geschichte an eine gute Freundin weiterleiten dürfe. Durfte er. Und diese Freundin arbeitet bei Tao. Drei Tage später war ich in Bielefeld, wurde freundlich empfangen und man hat mir in aller Ausführlichkeit erklärt, was ich tun muss, um mein Buch zu veröffentlichen. Und dann ging alles sehr schnell.

 

Hatten Sie eine genaue Vorstellung von Titel und Umsetzung Ihres Themas?

Das Buch war so gut wie fertig als ich in Kontakt mit Tao getreten bin. Lediglich für die Umschlaggestaltung hatte ich noch keine Idee. Ja, und die Fotos hatte ich noch nicht ausgewählt.

 

Welche Unterstützung durch tao.de war für Sie besonders hilfreich?

Mir hat es geholfen, dass mir „Profis“ Mut gemacht haben, den Schritt der Veröffentlichung wirklich zu wagen. Ich war mir unsicher, ob das Buch wirklich „öffentlichkeitstauglich“ ist. Ich hatte Angst, ein wenig „betriebsblind“ geworden zu sein.

 

Welchen Rat würden Sie angehenden AutorInnen mit auf den Weg geben. Gibt es etwas, was Sie am Anfang anders machen würden?

Ich hatte zu keiner Zeit beim Schreiben oder der Fertigstellung des Buches Stress. Schreiben ist für mich ein Teil der „Psychohygiene“. Und deshalb schreibe ich auch weiter. Ob daraus ein weiteres Buch wird, ist mir nicht wichtig. Schreiben tut mir einfach gut und hilft mir, mein Leben aus einer gesunden Distanz zu betrachten und mit Humor zu nehmen. Deshalb: Ich ändere nix. Wenn ein weiteres Buch entsteht, ist es gut; wenn nicht, dann ist es auch gut. Mit Ratschlägen an andere tue ich mich meist schwer. Jeder Jeck ist anders, wie man in Köln so schön sagt. Ich glaube aber, man sollte auf keinen Fall verbissen an ein Buchprojekt heran gehen und nur das Endprodukt im Blick haben. Der Spaß am Schreiben sollte im Vordergrund stehen.

 

Zum Schluss: Können Sie uns eine Situation aus Ihrer Freundschaft mit Aziz schildern, die Sie besonders berührt hat?

Es gibt unzählige Situationen, die mir zu Herzen gegangen sind. Es fällt mir schwer, eine auszuwählen. Besonders berührt hat mich zum Beispiel der Besuch bei seiner Schwester in S. Dort haben sich alle Geschwister der Familie, die nach Deutschland geflüchtet sind, nach langer Zeit wiedergetroffen. Allein dieses Wiedersehen ist mir zu Herzen gegangen. Als dann die Kinder abends per Whatsapp mit Papa und Mama telefoniert haben, mir Grüße ausgerichtet haben und Aziz übersetzt hat: „Petra, meine Mama betet jeden Abend für Gesundheit für dich und deine Familie. Und sie ist dankbar, dass ich jetzt zwei Mamas habe“, da liefen mir Tränen über die Wange. Die Mama in Syrien fing an zu weinen als Aziz ihr übersetzte: „Petra betet jeden Abend für eure Sicherheit und dass ihr nach Deutschland kommen könnt.“ Mit Hilfe von Aziz haben wir eine ganze Zeit telefoniert, es flossen viele Tränen, und ich habe mich noch nie Menschen so nah gefühlt, die ich noch nie gesehen habe und deren Sprache ich nicht spreche. Aber mir war klar: Mamas ticken gleich, egal ob sie in Haltern am See oder Derbassja leben, ob sie drei oder acht Kinder haben, ob sie christlich oder muslimisch sind, ob sie studiert haben oder nur wenige Jahre Schulbildung genießen konnten.

 

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