"Er war zwei Zentimeter größer als Napoleon.." Interview mit Julien Poudel

18/10/2018 – Autoren im Focus

Kurzvita:

Julien Poudel ist 1956 in Essen geboren und im Allgäu seit 1963 aufgewachsen. Er studierte Japanologie und Völkerkunde von 1975 bis 1977 in Bonn, dann folgten das Medizinstudium sowie eine langjährige ärztliche Tätigkeit an den Universitäten Bonn und Ulm.

Seit 1995 ist Julien Poudel als Facharzt für Radiologie in Lindau/B tätig. Er hat sich in einer eigenen Praxis niedergelassen mit Schwerpunkt interventionelle Schmerztherapie und Strahlentherapie benigner Erkrankungen.

Darüber hinaus zeichnen ihn Zusatzausbildungen in “Energiearbeit und Geistheilung” bei Aldo Berti, in “Dialog und Spiritualität” bei F. Dhority u. S. Dobkovitz sowie in “Embodiment”bei Russell Delman aus.

Veröffentlichungen über “Humor in der Praxis” und die “Heilkraft der Sprache” in der Medizin sind bei tao erfolgt.

 

 

 

Was ist Ihr Lieblingsort zum Schreiben?

Mein geliebter JokkMokk Ess-/Schreibtisch mit Blick auf zwei Apfelbäume, den Kirchturm von Sigmarszell und den Pfänderrücken, im Hintergrund nur zu erahnen das Rheintal. Freier Ausblick auf mein fast unmöbliertes Wohnzimmer (Ofen, Couch und Meditationkissen) mit weiten Flächen, auf denen Geist und Seele ihre Ruhe finden können. Neben mir eine Tasse Ingwertee und ein Stück Streuselkuchen.

 

Wann ist der Gedanke in Ihnen gereift, die Beziehung zu Ihrem Vater literarisch zu verarbeiten?

Etwa drei Wochen nach dem Tod meines Vaters, als sich meine Erstarrung langsam löste und ich in mir Trauer, Wut und sehr viele Verwirrung spüren konnte.

 

Inwiefern hat die literarische Aufarbeitung das Bild Ihres Vaters modifiziert? Nehmen Sie ihn nach dem Reflexions- und Schreibprozess nun anders wahr?

Das Schreiben hat es mir ermöglicht, mit meiner Trauer, meiner Wut und den damit verbundenen Ängsten umzugehen. Dadurch konnte sich die darunter liegende Liebe zu meinem Vater zeigen.

 

Wann und wie sind Sie auf den außergewöhnlichen Titel  „Er war zwei Zentimeter größer als Napoleon” gekommen?

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist die Feldherrenpose, die mein Vater einnahm, wenn er von seinen Heldentaten berichtete. Im Einzelfall konnte es sich dabei auch um das anatomiegerechte Präparieren einer Weihnachtsgans handeln. Als Kind bekam ich sehr viel Angst wenn er diese Pose einnahm, wobei er mich mit seinen blauen Augen anstarrte. Die komische Seite konnte ich erst viel später erkennen. Hinter dieser Feldherrenpose verbarg er ein tiefes Gefühl von Einsamkeit, Traurigkeit und Angst. Und genau dieses Bild vermittelt sich mir auch, wenn ich an Napoleon denke.

 

Welche Erfahrungen beim Schreiben waren für Sie besonders prägend?

Daß ich unter der Trauer und Wut die Liebe zu meinem Vater spüren konnte. Unzählig die Situationen beim Schreiben, in denen ich tränenüberflutet an meinem Laptop saß und spürte: Jetzt hat sich wieder eine Verknotung in mir gelöst, jetzt habe ich in mir wieder ein Gefühl der Wärme in der Erinnerung an meinen Vater entdeckt! Aber es gab auch Situationen, in denen ich lauthals lachend an meinem Laptop saß, weil mir zutiefst komische Dinge einfielen, die meinen Vater (und mich) betrafen.

 

Was hilft Ihnen bei Schreibblockaden und kennen Sie derartiges nicht?

Natürlich kenne auch ich Schreibblockaden. Wenn eine solche Schreibblockade eintritt, versuche ich die Schreibblockade anzunehmen und das ihr innewohnende Potential an noch ungeklärter Energie zu spüren. Dieses Reichtum, dieser Schatz, der einer Schreiblockade innewohnt, macht mich neugierig. Es geht damit eine Verlangsamung einher, die ich oft auch als wohltuend wahrnehme.

Beim Schreiben dieses Buches fühlte ich mich allerdings erst in dem Augenblick frei, über meinen Vater zu schreiben, als ich ein Pseudonym gefunden hatte, hinter dem ich mich verbergen konnte.

 

Welche Ihrer Erkenntnisse sind besonders wertvoll für Neu-AutorInnen?

Ich glaube, dass man einen Funken in sich spüren muß, ein aufkeimendes Feuer der Begeisterung, weil das Geschriebene sonst keine lebendige Gestalt annehmen kann. Dann ist es egal, ob man über die Herstellung von Gummibärchen oder die Geschichte des Berner Patentamtes schreibt. Die Kunst ist es, dieses Feuer in rechtem Maße zu nähren, so dass es einerseits nicht erlischt, andererseits aber auch kein Flächenbrand entsteht, der den Autor samt seinem Werk verschlingt und alles zunichte macht. Ich habe dabei das Bild der Vestalinen vor Augen, deren Aufgabe es war, das Feuer im Tempel der Vesta zu hüten. Andererseits oblag es ihnen aber auch, das Wasser aus der Quelle der Nymphe Egeria zu holen, das zur Reinigung des Tempels verwendet wurde. Gelingt es einem Autor das innere Feuer seiner Begeisterung in guter Weise zu nähren, gelingt es ihm auch eher Phasen der Schreibermattung durchzustehen.

 

Welche Unterstützung durch tao.de war für Sie besonders hilfreich?

Ich bin immer wieder beeindruckt von der Freundlichkeit und der Kompetenz der tao-Mitarbeiter, gepaart mit sehr viel Einfühlungsvermögen in meine Wünsche und Nöte als Autor.

 

Dürfen wir auf ein weiteres Buch von Ihnen hoffen?

Ich arbeite gegenwärtig an einem neuen Buch und freue mich auf die weitere Zusammenarbeit mit tao.

 

 

 

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