5 Fragen für eine Salonkultur-Lebenshaltung

22.09.2017

Ein Projekt wie „Schreib-Vielfalt“ scheint an die Tradition literarischer Salons anzuknüpfen, wie sie zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert aufblühten. HistorikerInnen vertreten die Ansicht, dass die Französische Revolution letztlich ohne diese kulturellen Keimzellen der Aufklärung nicht ins Rollen gekommen wäre  – Orte, an denen progressive Ideen zusammenkommen und Menschen die Schlüsselerfahrung machen konnten und machen können, dass sie mit ihren Visionen nicht allein sind.

 

In der Biedermeierepoche waren derartige Salons dann eher Sinnbild des „bürgerlichen Rückzugs ins Private“ – hier wurde den „schönen Künsten“ um ihrer selbst willen gefrönt. Ohne den Anspruch, mit der Kunst die Welt verändern zu wollen. Heutzutage knüpfen Poetry Slams an die Salonkultur an.

 

Das wirft für mich die Frage auf: Was suche ich eigentlich, wenn ich abends das Haus verlasse, um eine Kulturveranstaltung zu besuchen? Möchte ich einfach nur unterhalten werden, indem ich mich an den Formulierkünsten anderer erfreue? Oder sind es eher Gebärhilfen, die ich suche, indem die Worte etwas aus dem Untergrund meiner Seele evozieren und sichtbar werden lassen, das zuvor unsichtbar war?

 

Buchkultur_Regal

 

Den Geburtskanal für eigene Ideen freiräumen

 

Wenn ich ehrlich bin, scheint mir ein Großteil der bloß „konsumierten“ Kultur nicht nur entbehrlich, er verstopft auch gewissermaßen meinen „Geburtskanal“ für originär eigene Ideen, die ans Tageslicht drängen wollen, und selbstbestimmte Entscheidungen (in diesem Zusammenhang ein Lesetipp: das neue Buch von Winfried Neun Warum es uns so schwer fällt, das Richtige zu tun.

 

Zeiten, in denen ich mich richtig glücklich fühlte, zeichneten sich vor allem durch die Abwesenheit dieser bloßen Konsum-Momente aus. Als ich vor etwa zehn Jahren auf dem Jakobsweg unterwegs war, waren die mitgenommenen Bücher ob ihres Gewichts sorgfältig ausgewählt. Und ich war fortlaufend „mit allen Sinnen“ im Weltkontakt, pendelnd zwischen „Zeit mit mir“ und „Zeit im Gespräch mit anderen“. Wann immer mich jemand inspiriert hatte in einem Gespräch, gab es Zeit, das Gesprochene innerlich wirken zu lassen, es zu verstoffwechseln.

 

Durch die ständigen Blicke aufs Smartphone erlebe ich meinen Sehsinn im normalen Alltagsmodus als extrem federführend. Der Sehsinn hat die Eigenheit, sich enorm aufblähen zu können. So kann ich an einem einzigen Nachmittag durch ein ganzes Manuskript „fliegen“. Als Lektor durchaus nützlich. Aber die Informationsverarbeitung hat dadurch auch etwas von einer Fließbandabfertigung. In Windeseile muss ich mich dann entscheiden, was ich mit einem Informations-Happen mache, die Optionen werden aber immer eingeschränkter bis hin zu einem archaisch-binären „mag ich / mag ich nicht“, das reflexhaft an bisherigen Prägungen geeicht ist.

 

Buddha_Landschaft_Kultur

 

Lernen, sich selbst zu überraschen

 

Der Begriff „Salonkultur“ spricht mich vielleicht auch deshalb so sehr an, weil aus ihm die Wertschätzung der Geselligkeit spricht. Statt Informations-Effizienz ein gemütliches Wirkenlassen des Gehörten, ein wirkliches In-Kontakt-kommen, bei dem ich nicht versuche, andere dazu zu bringen, so wie ich zu denken, sondern die Einladung annehme, meine bisherigen Ansichten auf den Prüfstand zu stellen und herauszufordern. Mich selbst überraschen zu lassen, was aus mir emporsteigt, wenn es einen kollektiv gehaltenen Raum der Präsenz gibt. Es geht letztlich also um das Einüben eines „generativen Zuhörens“ mit Körper, Geist und Seele, wie ich es bei den Salons von evolve kennen- und schätzen gelernt habe.

 

Ich nehme mir vor, es künftig nach einem „Input“, der mich wirklich begeistert und beeindruckt hat, nicht bei dieser bloßen Feststellung zu belassen, sondern mir binnen 48 Stunden Zeit zu nehmen, um die Eindrücke zu Papier zu bringen – und zwar unter den Fragestellungen:

 

1.      Inwiefern habe ich etwas dazugelernt?

2.      Welchen Reim mache ich mir auf das Gehörte?

3.      Welche meiner „Denkschablonen“ werden sichtbar in der Art, wie ich mich an das Erlebte erinnere?

4.      Was erfahre ich so darüber, wie ich mit mir selbst und der Welt in Beziehung trete?

5.      Und wie möchte ich mit diesen Erkenntnissen umgehen?

 

Ich bin überzeugt: Ohne diesen Schritt der seelischen Verdauung gehen viele wertvolle Impulse wieder verloren.