Begegnungen mit einem Phänomen

06.10.2017
Mein Motiv für die Teilnahme: ich will unbedingt einmal ein internationales dreitägiges Retreat mit unserem erfolgreichsten Autor und seiner Frau erleben, zudem meine persönlichen Kontakte zu Eckhart Tolle und Kim Eng auffrischen und die beiden Lehrer für ein Retreat und für Vorträge in den deutschsprachigen Raum, speziell nach Deutschland, einladen.
 
SaalOslo
 
Nun hatte ich in der Vergangenheit bereits einige Talks (er nennt seine Vorträge „Talks“) von Eckhart Tolle erlebt - und wissend, dass die Zahl seiner Themen eher begrenzt ist - es geht ihm ja immer wieder um den augenblicklichen Moment, um das JETZT - erwarte ich keine Überraschungen, freue mich aber auf eine Vertiefung meines Verständnisses. Begleitet werde ich von der Autorin und Journalistin, Carmen Thomas, von meiner Lebensgefährtin Andrea und von meiner Tochter Annika. 
 
Ungemein beeindruckend ist der Empfang durch ein freundliches, zugewandtes HelferInnen-Team. Michael Karlholm, der Cheforganisator des Events, verrät im Gespräch, dass sich die Vorbereitungen über ein Jahr hingezogen hatten und vor Ort 25 HelferInnen (mit T-Shirts mit dem Aufdruck: Service NOW) für einen reibungslosen Verlauf des Events und ein besonderes Wohlgefühl bei den TeilnehmerInnen sorgten. Alle haben sich vier Tage vor dem Retreat getroffen und auf ihre Aufgabe vorbereitet. So erfolgt die Anreise und Registrierung der 800 TeilnehmerInnen reibungslos und ohne lange Wartezeiten. Die Unterbringung der TeilnehmerInnen in modernen und gerade erst errichteten Ferienwohnungen ist sehr komfortabel.
 
 
Tolle Event Oslo 1
 

Wir alle sind auf den ersten Talk mit Eckhart natürlich sehr gespannt.

 
 
In gewohnter Weise bescheiden betritt er, jeden Schritt bewusst setzend, die Bühne und setzt sich auf den vorbereiteten Stuhl. Das Setting zu seinen Talks ist immer gleich: Ein bequemer Stuhl, daneben ein quadratischer Tisch mit einer kleinen Messinguhr, wunderschöne bunte Blumen, ein Glas Wasser und zwei Klangringe, mit einem Lederband verbunden. Auch seine Kleidung bietet nie Überraschungen...
 
Was dieses Retreat jedoch besonders auszeichnet: Es ist absolut still. Mit unserem Betreten der großen Halle verstummen alle Gespräche. Und diese Stille währt über das Ende seines Vortrages hinaus bis zum Verlassen der großen Vortragshalle. Eckhart selbst bemerkt das ebenfalls und bringt das mit seinen ersten Worten zum Ausdruck. Eine Stille, die noch intensiver erlebt wird, weil es neben seiner Stimme keine Geräusche durch Klimaanlage, elektrisches Gerät oder Außenaktivitäten gibt.
 
Im Gespräch untereinander, es ist die erste Begegnung von Carmen Thomas mit Eckhart Tolle, bereichert ihre Außensicht auf das Phänomen Eckhart Tolle. Danach erscheint ihr die inhaltliche Relevanz seiner Ausführungen nicht gerechtfertigt, sich damit drei Tage lang zu beschäftigen – umso mehr ist das Phänomen der Stille, die sich der Besucher bemächtigt, auch für sie unbegreiflich. Ob sich das in jeder Kultur in gleicher Weise ereignet, war meine Frage an Eckhart bei seinem letzten Besuch in Deutschland. Er hatte das bejaht und seine Frau ergänzte, er sei die körperliche Repräsentanz der Stille und die Stille in uns allen dockt sich daran an…
 
TolleTeamOslo
 
Uns allen eröffnet die Sichtweise von Andrea, die die Worte von Eckhart mit einem Stereogram vergleicht, einen neuen Zugang. Es geht gar nicht um die Worte selbst (was er auch immer wieder betont!), sondern darum, dass seine Worte uns, wenn wir sie „richtig“ hören, einen ganz neuen, voraussetzungslos beglückenden Zugang zur Realität, zu dem augenblicklichen Moment, verschaffen. Dass dies der entscheidende Punkt ist, erlebe ich in diesem Retreat bei seinem letzten Talk erstmalig wirklich. Dieses Erleben ist wahrhaft überwältigend und geht auch in meinem Alltag seither nicht mehr ganz verloren. Es bedeutet nämlich, die eigene Verrücktheit, fast ständig entweder in der Zukunft oder in der Vergangenheit, aber nie im Moment (was auch in gewisser Weise bedeutet: gedankenlos) zu sein, nicht nur zu durchschauen, sondern essentiell zu begreifen. Bei mir hat es deutlich - tief in mir drin - Klick gemacht, als Eckhart Tolle erläuterte, wie sich ein Nobelpreisträger fühlt und verhält, wenn er die Nachricht von seinem Gewinn erhält und sich zur Verleihung aufmacht. Eckhart Tolle lässt uns miterleben, welche einzelnen Schritte - minutiös beschrieben - getan werden müssen, um von zu Hause zum Ort der Verleihung zu kommen. Wie oft er konkret sitzt, geht, wartet, etc.. Den Unterschied zum Alltagserleben macht einzig der Inhalt der eigenen Gedanken aus... D.h. den einzelnen Moment in A- (wohltuend / wichtig!!!) und B-Momente (unwichtig / unangenehm) zu unterteilen, erzeugt die Negierung eines maßgeblichen Teils des eigenen Lebens, eben der "B-Momente". 
 
Allerdings: Zu dem geistig-verstandesmäßigen Verstehen muss das direkte Erleben dieser Botschaft hinzukommen, ein Erleben, das in jeder Zelle seinen Widerhall hat, erst dann entfaltet sich seine Botschaft in der Realität seiner Zuhörer wahrhaftig. Genau das aber ist nicht machbar, es geschieht – und manchmal braucht man – wie in meinem Fall, sehr viel Geduld (ich habe sein Basiswerk „JETZT, die Kraft der Gegenwart“ vor nahezu 20 Jahren herausgebracht…) und einige Male Lesen und einige Male hören und ein wenig Gnade auch…
 
TolleTeamOslo2
 
Mein Glück war vollkommen, als unsere kleine Gruppe nach dem Retreat zu einem persönlichen Gespräch mit Kim, Eckhart und Erin (die Tochter von Kim, sie organisiert weltweit die Termine der Events für Eckhart Tolle) eingeladen wird und wir erfreut erfahren, dass er sich gerade intensiv seiner Muttersprache (deutsch) widmet und dass er gerne unsere Einladung, zu einem Retreat und Vorträgen nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz zu kommen, annimmt. So werden wir im September 2019 die Möglichkeit haben, erstmalig in Deutschland ein Retreat (in deutscher Sprache) anzubieten und können ihn ebenfalls wieder in Vorträgen erleben. Vielleicht die letzte Chance, ihn in seiner Heimat live zu erleben...
 
Joachim Kamphausen