Wunder jenseits von Töpfchen und Kröpfchen

20.10.2017
Dein Bericht vom Eckhart Tolle-Retreat hat mich fasziniert, lieber Joachim. Ich selbst habe das Phänomen 2010 ja auch am eigenen Leib erfahren, bei seinem damaligen Vortrag in Hannover. Offenbar ist es etwas signifikant anderes, ob ich mich kognitiv mit Themen wie Achtsamkeit und Meditation beschäftige – in der Hoffnung, dass vom Kopf auch etwas in tiefere Ebenen wie Herz und Seele sickert –, oder ob ich einem Menschen gegenübersitze, der wie Eckhart Tolle sprachlich nicht zu fassende Qualitäten verkörpert. 
 
SaalEckhartTolleOslo

Grenzen der Sprache

 
Wenn ich loslege, etwas im Bewusstsein Erfahrenes ins Sprachliche hinüberretten zu wollen, dann muss ich zwangsläufig selektiv vorgehen: „Es ist etwas von Diesem, wobei … auch Jenes. Aber eigentlich ist es mehr als das.“ Solche Momente, in denen wir etwas aussprechen und noch währenddessen anhand somatischer Marker merken, dass wir nicht so recht ins Schwarze getroffen haben, kennt wohl jeder.
 
In Phasen großer Zentrierung, etwa unter dem Einfluss eines Retreats, scheint mir die Treffgenauigkeit zuzunehmen. Doch es bleibt beim Empfinden, dass Versprachlichung häufig mit einer Verwässerung des Essentiellen einhergeht. Vielleicht weniger, wenn es um handfesten Alltag geht. Und umso mehr, wenn ich jemandem den Kern einer mystischen Innenwendung vermitteln möchte, der ja in höchstem Maße subjektiv ist: geprägt von meiner Weltsicht. Davon, was ich für möglich halte und was nicht. Bei der „unio mystica“, wie die Vereinigung von Gott und Mensch in der christlich-jüdischen Mystik genannt wird, scheint sich diese subjektive Sphäre zu verflüchtigen. Was bleibt, ist – wenn ich den Beschreibungen aus Büchern Glauben schenke – eine Wonne, die dann womöglich von allen, die das erfahren, ähnlich oder gar gleich empfunden wird. 
 
Ruhegarten

Das Leben als Wunder

Als ich damals Eckhart Tolle zuhörte, hatte ich das Gefühl, dass seine Worte so offen formuliert sind, dass alle im Raum Andockstellen für eine innere Sehnsucht finden. Die Sehnsucht nach einer Haltung, in der Erlebtes nicht mehr beurteilt wird, in der der Geist sich nicht fortlaufend dabei verausgabt, zwischen „Töpfchen“ und „Kröpfchen“ zu unterscheiden – anhand mehr oder weniger rigider Kriterien, die je nach Stresspegel im ärgsten Fall solche Ausmaße annehmen können, dass der Geist gefühlt nur noch auf der Flucht ist. Spätestens dann wird klar: Hier läuft etwas gehörig falsch. So ist der Weg zu einer Sehnsucht gebahnt, wie sie auch im bekannten Einstein-Zitat aufscheint: „Es gibt zwei Arten sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles eines.“
Vor Eckhart Tolle zu sitzen scheint ein Erinnern in Gang zu setzen: Dass diese Haltung, dem Leben als Wunder begegnen zu können, auch in uns bereits existiert. Und dass es somit nichts Neues hinzuzulernen gilt. Welche Entspannung kann sich bei dieser Einsicht einstellen! Der Zustand, nach dem unsere Gesellschaft so lechzt, ist nichts, was wir uns mit den von der Schullaufbahn gewohnten Mitteln wie Fleiß und Disziplin anzueignen haben, denn es ist bereits da. Eben in jedem kleinen Moment. 

Zentriert in purer Wachheit 

Daran erinnert zu werden, ermöglicht ein Leben auf einem gänzlich anderen Fundament. Es erinnert mich an den Perspektivwechsel, zu dem die Japanerin Marie Kondo mit ihrem achtsamen Aufräum-Prinzip einlädt: Normalerweise behalten wir Dinge, weil uns kein guter Grund einfällt, sie loszulassen. Kondo dreht den Spieß um. Erst wenn uns ein guter Grund einfällt, indem eine Habseligkeit etwa unser Glücksgefühl stärkt, bleibt sie bei uns. Der auskalibrierte Zustand ist dann nicht mehr das Vollgerümpeltsein, zu dem eine kapitalistische Lebensweise anhält, indem wir unerwünschte Gefühle mit Konsum wegzubügeln versuchen. Der auskalibrierte Zustand ist dann die pure Wachheit eines leeren Geistes, der seine Entsprechung im Außen findet. Ein innerer Freiraum, wie er etwa in diesem Buch von Petra Dietrich beschrieben wird.
 
GoogleBild
 
Sogar „google“ hat inzwischen unter dem Titel „Search Inside Yourself“ Achtsamkeitsprogramme aufgelegt. „Mehr Klarheit“, „eine bessere Konzentrationsfähigkeit“, „endlich mal wieder zu sich zu kommen“ – mit diesen Intentionen melden Menschen sich an. Was sie – bei regelmäßiger Praxis – entdecken können, ist das Zunehmen positiver Gefühle. Ein stärkeres Immunsystem. Eine feinkörnigere Verarbeitung von Sinnesanreizen. Für solche Veränderungen wurden inzwischen in Studien auch hirnphysiologische Korrelate gefunden. Eine Begegnung mit Eckhart Tolle kann, so glaube ich, ein eindrucksvolles Erlebnis sein, weil sie uns zeigt, welch Zugewinn an Lebensqualität für uns jenseits solch pragmatischer Erwägungen drin ist, wenn wir uns auf den Weg machen und zulassen, dass unser Sein in der Welt sich zugunsten von Gegenwärtigkeit wandelt. Umso schöner, dass er hoffentlich bald wieder in Deutschland zu erleben ist!