Wohltätigkeit von der Stange

28.07.2017

Als Kind litt ich an Asthma. Und kann mich noch gut an die Erleichterung erinnern, wenn ein einziger Sprühstoß Wunder vollbrachte: Endlich wieder atmen können! Wie viel einfacher und wie viel effektvoller als der Versuch, die Luftnot mühsam mit erlernten Atemtechniken lindern zu wollen.

 

Organisationen, die um Spenden werben, wirken auf mich mitunter wie ein kollektives Asthma-Spray. Wer sich aufgrund eines stattlichen Salärs das Spenden leisten kann, der kann sich die Rolle des Wohltäters heutzutage erkaufen. Die Logik dahinter ist eigentlich einleuchtend: Genauso wenig, wie ich mangels Zeitressourcen meinem politischen Willen selbst Ausdruck verleihen kann, kann ich neben einem fordernden Alltag auch noch in dem Maße als Weltverbesserer fungieren, wie ich es eigentlich nötig fände. Also liegt es nahe, auch diese Aufgabe auszulagern.

 

Das eigene Engagement an Dritte delegieren – geht das?

 

Aber was zieht dieses „Wohltätigkeits-Mandat“ nach sich? Genau. Ich bin kaum in der Lage nachzuverfolgen, was mit dem Geld geschieht. Und bin angewiesen darauf zu vertrauen, dass die von mir beauftragten Akteure sorgsam mit dem Auftrag umgehen, die Welt ein kleines Stück besser zu machen.

 

Wenn ich in Fußgängerzonen von meist jungen SpendenanwerberInnen angesprochen werde, macht mich das häufig gereizt: Es fühlt sich komisch an, wenn sie mit bewährten Akquisestrategien auf meine Entscheidung Einfluss zu nehmen versuchen. Gleichzeitig kenne ich als Pressereferent die Situation, in sehr begrenzter Zeit auf einen Buchtitel neugierig machen zu wollen. In einem Telefonat entscheiden wenige Sekunden darüber, ob eine angerufene Journalistin mich in die Schublade „lästig“ packt und aus der Leitung wirft. Also versuche ich, in kürzester Zeit eine Beziehung aufzubauen. Klar, nach wie vor liegt mein Anruf in einem strategischen Kommunikationsinteresse begründet. Aber erst, wenn ich wirklich neugierig auf mein Gegenüber bin, wenn meine Gesprächspartnerin sich wahrgenommen fühlt, erhält die Kommunikation eine tragende Qualität. Und ich brauche mich nicht mehr wie ein plumper Verkäufer unter Erfolgsdruck fühlen, der in einer Flut konkurrierender Aufmerksamkeitsattraktoren besonders zu schillern versteht.


Wertebasierter Klimawandel
 

Wenn Spenden-Organisationen ein „mildtätiges Gefühl von der Stange“ zu verkaufen versuchen und dabei ähnlich wie populistische Parteien zu vereinfachenden Parolen greifen wie in diesem Zeitungskommentar kritisiert, dann finde ich das befremdlich. Und stimme deiner Einschätzung zu, dass derart unbewusst, also ohne echte Auseinandersetzung fließendes Geld problematische Herrschaftsstrukturen zu verfestigen droht. Das alles wirkt dann wie der Gewitterregen über den südlichen Ländern in diesen Sommerwochen: Die Temperatur ist so hoch gekocht, dass der Regen noch vor dem Aufprall auf der Erde verdunstet. Blitze können deshalb die Monokultur-Wälder, in denen aufgrund ökonomischer Erwägungen die leicht brennbaren Arten Eukalyptus und Pinien überwiegen, ohne weiteres in Brand setzen.

 

Die Lage der globalen gesellschaftlichen Verhältnisse scheint ähnlich temperiert. Wie leicht entzündbar das Gefüge ist, das haben die Ausschreitungen beim G20-Gipfel in Hamburg angedeutet. Die Herausforderung ist, dass kurzfristige Bemühungen wie der Einsatz eines Löschflugzeugs oder der Griff zum eingangs erwähnten Asthma-Spray nicht in der Lage sein werden, die Temperatur nachhaltig herunter zu regulieren. Die Wahrheit ist, dass wir wohl nicht umhin kommen, auf unserer oftmals um Fußballturniere und Königsbrautpaarbesuche kreisenden Agenda neue Schwerpunkte zu setzen.

 

Warum nicht einen bestimmten Anteil der Woche von vornherein für die Frage reservieren, wie ich mit meinen vorhandenen Ressourcen proaktiv für eine meinem Empfinden nach bessere Welt eintreten kann?

 

Engagement, das an die Wurzel geht

 

Die Initiative „Effektiver Altruismus“ weist mit vielen Tipps für weisen Aktivismus in diese Richtung: Mit Ideen wie „Fortlaufend 10 Prozent vom Gehalt spenden“ oder „Einen Teil der Arbeitszeit ehrenamtlich zur Verfügung stellen“ schlägt sie Handlungsoptionen vor, die tiefer reichen, bis ins Reich unserer unbewussten Glaubenssätze (was wir daran merken, dass etwas in uns bei derartigen Impulsen unruhig zu werden droht und sich Gedanken melden wie „Kann ich mir das überhaupt leisten?“ oder „Warum soll ich in Vorleistung gehen, wenn andere sich ein Leben in Saus und Braus gönnen?“). Genau da wird es spannend, weil wir uns in Bewusstseinsgefilde vorwagen, die für eine wirkliche Transformation unablässig sind. Der „effektive Altruismus“ prangert an, dass wir uns für Ungemach in erster Linie dann interessieren, wenn wir direkt – also über unsere eigenen Sinnesorgane – mit der Ungerechtigkeit konfrontiert sind. Was fernab auf anderen Kontinenten geschieht, das erfahren wir allenfalls aus Medien.

 

In vielerlei Hinsicht sind wir Nutznießer der Globalisierung. Weigern uns aber gleichzeitig standhaft, die damit einhergehende moralische Verantwortung anzunehmen. Die Wahrheit ist: Wer in einem so reichen Land wie Deutschland geboren ist, der hat Verantwortung. Verantwortung gegenüber den Mitmenschen, aber auch künftigen Generationen, wie es diese unlängst erschienene Brief-Kolumne „an die Nachwelt“  aus dem SZ-Magazin beschreibt: „Urlaub war uns wichtiger als eure Zukunft, sorry“, heißt es in der Überschrift.

 

Alltag und Aktivismus verbinden

 

Urlaub ist wichtig. Wer sich nicht erholt, droht krank zu werden – und damit ist keinem gedient. Deshalb finde ich einen gesellschaftlichen Austausch so wichtig, in dem wir uns darüber verständigen, wie ein lebenswerter Alltag Hand in Hand gehen kann mit einem Engagement für höhere Ziele und Werte.

 

Was ist Ihr Rezept für diesen Brückenschlag?

 

P.S.: Hier geht es zum Beitrag von Joachim!

Hier gibt es weitere interessante Informationen rund ums Spenden: http://www.meinegeldanlage.com/thema/spenden