Vom Segen, einfach mal nicht funktionieren zu müssen

16.04.2018

Während dieser Blog sich einige Wochen Dornröschenschlaf gönnte, hat sich die Welt weiter gedreht: Wir haben inzwischen eine neue Bundesregierung. Und ob es nun um Visionen für Europa oder ehemals ambitionierte Klimaschutzpläne geht – es wird offensichtlich, dass auf einen Konsens hinstrebende Verhandlungen zwischen verschiedenen Parteien den Idealismus ganz schön in die Mangel nehmen können.

Nun stehen spirituelle Menschen ja häufig unter dem Verdacht, sich in ihre Wohlfühlblase zurückzuziehen. Also zum Beispiel keine Zeit in tagesaktuelle Medien zu stecken, weil eben viele Nachrichten das Zeug zur schweren Kost haben, während ein Alltag zwischen Yogakurs und neuestem Rawfood-Rezept einer Käseglocke gleich den sich türmenden Unbill auszublenden hilft. Andererseits: Wenn ein lebbares Milieu auf der Welt davon abhängt, dass eine Ozonschicht uns von schädlichen Strahlungen abschottet, dann mutet es doch äußerst verständig an, wenn auch wir im Alltag Strategien dafür entwickeln, unser Alltags-Klima um einen Pol herum oszillieren zu lassen, der sich wohlig-vital anfühlt und uns darin bestärkt, im besten Sinne handlungsfähig zu bleiben.

 

Lesen als Rückzugsort ins Unangestrengte

Also lieber Zeit nehmen für eine gemütliche, erbauliche Buchlektüre, die uns seelisch kräftigt? Bücher können ja wirklich eine Insel der Zentrierung sein, wie es in diesem sehr empfehlenswerten Interview (LINK http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/verleger-keel-es-ve...) mit dem Diogenes-Verleger Philipp Keel zum Ausdruck kommt. Gleichzeitig haben Bücher es immer schwerer, sich im Ringen um Aufmerksamkeit gegen die Verlockungen der digitalen Berieselung zu behaupten. Keel spricht erfrischend offen darüber, wie seiner Meinung nach ein gelingender Umgang mit der Tatsache aussieht, dass der Buchbranche die Käufer wegbrechen (LINK https://www.boersenblatt.net/artikel-studie_des_boersenvereins.1422566.html): Ins Jammertal verkriechen? Die kopflose Flucht nach vorn antreten, indem man als Verlag bei jedem Digitalisierungstrend versucht, „irgendwie“ mit dabei zu sein? Mitnichten. Aus Keels Analyse spricht eine Haltung, die mir imponiert: Darauf vertrauen, dass Lesen als „gesellschaftlich revolutionärer Akt“, als „Sinnbild der Entschleunigung“ Bestand hat, genau wie Menschen das Unkrautjäten als Antwort auf das mit Digitalisierung einhergehende Diktat der vollumfänglichen Verfügbarkeit entdecken. „Wir sollten aufhören, Lesen als etwas Anstrengendes zu betrachten, und uns mit der Tatsache versöhnen, dass alle anderen Einflüsse, mit denen wir uns das Leben vermeintlich einfacher machen, unterm Strich viel anstrengender sind als jedes Buch“, sagt Keel. Einfach mal nicht funktionieren müssen – das ist es, was Bücher uns schenken können.

Von der (nötigen, da gesund erhaltenden) Weltflucht bis hin zum herrlich nutzlosen Müßiggang – Bücher können uns beflügeln, weil sie uns den Weg zu einem inneren Raum bahnen, von dem aus ein In-Beziehung-Gehen ganz andere Formen annehmen kann. Indem wir uns in Romanfiguren einfühlen, sorgen Bücher dafür, dass wir nicht ständig narzisstisch um uns selbst kreisen. Sondern offener werden für das, was im anderen vorgehen mag. Interessant in diesem Zusammenhang: In der Psychoanalyse geht man davon aus, dass ein sogenannter „primärer Narzissmus“ ein wichtiges Startkapital für ein gelingendes Leben darstellt: Aus diesem paradiesischen Urzustand der Allverbundenheit mit einer nährenden Mutter schöpfen wir idealerweise, wenn ein Rückschlag uns auf die Probe stellt und es etwa darum geht, den Selbstwert zu stabilisieren.

Wollen wir uns statt ewiger Nabelschau wirklich den anderen und der Welt zuwenden, ist die zentrale Frage: Wachsen wir von diesem Startpunkt des „primären Narzissmus“ in die Reife hinein, es auszuhalten, dass da draußen eben nicht immer alles gut ist? Dass die Menschen, mit denen wir es tagtäglich zu tun haben, nicht nur gute Seiten haben, genauso wie auch wir nicht durchweg hehren Motiven folgen? Unsere Gegenüber tragen vieles in sich: Eigene Sehnsüchte, eigene Wünsche. Inwiefern sind wir in der Lage, sie nicht als bloßes „Mittel zum Zweck“ zu betrachten?

In den Nuancen zwischen schwarz und weiß findet Begegnen statt

Zugegeben, ich habe eine starke Neigung, Dinge unter die Linse der „gelingenden Begegnung“ zu legen und mich zu fragen, was diese Perspektive aufs Leben beitragen kann. Es geht letztlich um eine Balance – einerseits gut bei mir sein und dafür auch die Kunst des Abschirmens meistern, andererseits offen für mein Gegenüber zu werden, eigene Gedanken, Assoziationen oder Einwände hintenan stellen zu können. Aus indigenem Wissen ist der „Weg des Kreises“ gespeist (LINK http://circlewayfilm.com/de/grundlagen-vom-weg-des-kreises/) – eine bestimmte Haltung, mit der Menschen in Gruppen zusammenkommen und sich in einer Kommunikation üben, die einen Impuls zum Überwinden der hierarchischen Gefüge setzt, in denen wir uns die meiste Zeit bewegen. In einer solchen Gruppe bin ich seit einigen Jahren und ziemlich begeistert, was für eine zwischenmenschliche Herzlichkeit sich dadurch entfalten kann.

Sind wir seelisch gut verankert in einer solchen Form offener Verbundenheit, kann sich eine Form von Kreativität entfalten, die gute, bislang ungedachte Lösungen aus ungeahnten Tiefen hervorsprudeln lässt. Lösungen, die etwas Neues hervorbringen, statt ewig gefangen zu bleiben in dem, was sich bisher (vermeintlich) bewährte. Eine solche Haltung in die Politik zu übertragen, erfordert Mut, weil ein sich vortastendes Beschreiten unbekannter Wege die Gefahr birgt, dass sich eben nicht binnen kurzer Zeit alle „Probleme“ in Wohlgefallen auflösen. Besonders, wenn es sich um so komplexe Herausforderungen wie den Klimawandel handelt oder das Thema Migration, in dem so viele Ängste schlummern, derer sich populistische Agitatoren wohlfeil bemächtigen. Ich glaube, dass Lesen uns gegen die um sich greifende Ungeduld immunisiert, dass Lösungen doch bitteschön „schnell“ sein sollen, keinesfalls den bequemen „Status quo“ gefährdend. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Lesen befähigt ihn, sich in neue Welten hineinzuträumen, bis sie Wirklichkeit werden.