Spiritualität 2.0? Zaubertrunk-Rezepte für ein neues Miteinander

26.05.2014

Was ist heutzutage für die junge Generation Spiritualität?

Dieser Blogtext kann darauf keine Copy&Paste-Antwort finden. Ist ja eigentlich klar: Spiritualität ist nicht so etwas wie ein universeller Zaubertrank, in den man wie Obelix irgendwann hineinplumpst, um dann mit ungeahnten Kräften durchs Leben zu stolzieren. Die Rezeptur ist hochgradig individuell – und vielleicht ist das bereits die eigentliche Antwort: Dass es darum geht, das Eigene zu finden. Einen Bereich, wo das Herz höher schlägt und sich so ein inneres Gefühl einstellt, „das Richtige“ zu machen.

 

Vielleicht ist es der Tierschutz. Oder jemand bringt anderen taktische Fußballspielzüge näher. Oder fügt einem ansonsten eher faden Straßenzug einen Farbtupfer hinzu, indem er ein originelles Café eröffnet, das unmissverständlich zeigt: Hier ist jemand mit Schmackes bei der Sache. Es geschieht etwas, das über reine Selbsthilfe hinausgeht.

 

Entdecken, wo die eigene Gabe liegt

Klassische Praktiken der Spiritualität können die Einladung sein, in die eigene Kraft zu kommen, klarer mitzubekommen, worin die eigenen Gaben liegen. Einen ersten (konstruktiven) Umgang zu finden mit einem grundlegenden Gefühl des Unwohlseins, das einen als Teil der jungen Generation heutzutage aus vielen Ecken anfallen kann (aufgewachsen sein in Familien, in denen Kriegstragödien noch immer als Tabus nachwirken; Jugendarbeitslosigkeit und befristete Verträge, die einem das Gefühl vorenthalten, sicher zu sein und für die Gesellschaft einen sinnvollen Beitrag zu leisten; ...)

 

Das Sinnvolle, die Fülle, die Entfaltung der eigenen Gaben hat es da nicht immer leicht – es gilt, gegen den Strudel der Resignation anzuschwimmen: Ein Warten darauf, dass das eigentliche Leben losgeht, wie es – geprägt durch die oftmals vom Wirtschaftswunder weichgespülten Wege unserer Eltern – noch immer in unseren Köpfen herumspukt: Ein sicherer Job, den Partner fürs Leben finden, eine feste Wohnung, eine Familie gründen...klar, da gibt es den „Igitt, ist das spießig“-Reflex. Aber gleichzeitig eben auch die Sehnsucht nach einer Sicherheit, die sich trotzdem wild und frei anfühlen soll und unseren Wunsch nach Selbstverwirklichung nicht einengt.

 

Welche Geschichte suchen wir uns aus?

Welche Rolle kann da Spiritualität spielen? Ich kenne viele „junge“ Menschen, die von einem Idealismus beseelt sind, der eine ganz andere Welt für möglich hält. Es sind die kleinen, manchmal fast unsichtbaren Dinge, die Stück für Stück den spröden Mammon unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit abklopfen und dabei zunehmend einen Raum eröffnen, der ganz neue Fragen ermöglicht: Hat uns die vermeintliche Erfolgsvision Wirtschaftswachstum, der wir so viele Jahre gefolgt sind, eigentlich glücklicher gemacht? Oder ist es an der Zeit, dass wir als Menschheit eine ganz andere Geschichte erfinden, der wir uns verschreiben wollen? Eine, bei der Kooperation und Schenken und Grundeinkommen und Vertrauen und ein Wertschätzen der Vielfalt und eine gewisse Demut ein ganz anderes Miteinander kreieren, das organischen Prinzipien folgt. Rob Hopkins, auf den die weltweit erfolgreichen Transition Initiativen zurückgehen, bringt in seinem neuen Buch Einfach. Jetzt. Machen! (http://www.transition-initiativen.de/page/einfach-jetzt-machen-buchbeste...) die Kraft dieser gewissermaßen „hemdsärmeligen“ Spiritualität wunderbar auf den Punkt, mit zahlreichen Mut machenden Beispielen.

 

 

Positive Visionen vorm Verdruss abschirmen

Das würde ich als das Besondere der „jungen Spiritualität“ bezeichnen: Dass spirituelle Praktiken immer weniger Selbstzweck sind, sondern eine Einladung unter vielen anderen (wie gesellschaftlichem Engagement in jedweder Form!), aus einer Haltung des Protestes zu einer Haltung positiver Zuversicht zu finden und daraus etwas Neues zu gebären. Innerlich eine Freiheit zu entwickeln, die nicht mehr von der Angst getrieben ist, sondern zunehmend aus der Stärke schöpft, positive Visionen und neue Geschichten nicht nur (er-)finden zu können – sondern sie auch dann zu halten, wenn Verdruss mal wieder an der Zuversicht nagt. Und für diesen Schritt in die Freiheit sind z.B. im Buddhismus viele Schätze zu heben, wie die Bücher einer neuen Generation junger Buddhisten wie Lodro Rinzler oder Brad Warner eindrucksvoll zeigen.

 

In den Wissenschaften wirkt das schnöde Ursache-Wirkungs-Denken inzwischen ziemlich altbacken. Die Wirklichkeit ist offenkundig sehr viel vielschichtiger, sie hängt davon ab, welche Perspektive wir einnehmen. Und allmählich wird dieser Wandel in allen Lebensbereichen spürbar: Viele Selbstverständlichkeiten wie „wahr“ oder „falsch“ brechen da in sich zusammen, scheinbare Widersprüche, wie Du, Joachim, sie beschreibst, können plötzlich nebeneinander Bestand haben – weil wir als Menschen es sind, die Sinnzusammenhänge herstellen und dem Geflecht eine Gestalt geben.

 

Die Fragen leben

Es ist ein ganz und gar unbekannter Raum, an dessen Schwelle uns das führt. Und das bedeutet: Wir haben erst mal keine vorgefertigten Antworten. Vielleicht macht es so gesehen Sinn, dass das Leben gegenwärtig häufig dazu einlädt, mit der Unsicherheit Leben zu lernen. Sie irgendwann nicht mehr als Mangel zu erleben, sondern als eine neue Art des Seins, wie Rilke es in einem schönen Text (http://www.newslichter.de/2012/04/in-die-antwort-hineinleben/)  beschreibt: Die Fragen leben, in die Antworten hinein...was ist Deine Frage ans Leben?

 

 

 

 

Kommentare

Liebe Conny,

danke Dir für Deine Antwort, auch wenn seitdem schon ein wenig Zeit verstrichen ist! Aus Deinem Feedback höre ich die Warnung raus, Spiritualität nicht mit dem um sich greifenden Selbstoptimierungseifer zu verhackstückeln, weil sie dann Gefahr laufen würde, zu einer der vielen Kategorien zusammenzuschrumpeln, in denen wir uns abstrampeln - der altbekannten Logik folgend, die stets nach Besserung strebt: einem spirituellen Materialismus, wie Chögyam Trungpa es nennt. Da bin ich Deiner Meinung. Da ist die Gefahr groß, dass sich doch klammheimlich wieder der Wunsch einschleicht, etwas "machen" zu können, dass uns unserer Fantasie von der wie auch immer gerarteten "Ziellinie" näherbringt. Vielleicht ist Spiritualität eher etwas, das allem wie ein tiefes Summen unterlegt ist - wie ein alles verbindendes Netz, das wir erst zu spüren beginnen, wenn wir eine gewisse Stille kultivieren? Vielleicht ist es eine Anbindung an eine tiefere Wirklichkeit, aus der heraus ein Verhalten hervorsprudelt, das uns mit positiven Gefühlen auf Ansätze wie veganes Essen, Medi und Greundeinkommen blicken lässt? Eine Anbindung, aus der heraus ein Bauchgefühl entsteht, das immer wieder neu eine Intuition davon vermittelt, was sich grad stimmig (in dem Sinne also quasi "richtig") anfühlt? Vielleicht hat Spiritualität ganz verschiedene Facetten, und für jeden Menschen scheinen auf dem ureigenen Entwicklungsweg zu den verschiedenen Zeitpunkten die unterschiedlichsten auf, so dass es letztlich ein ganz und gar unmögliches Unterfangen ist, bei dem Thema zu einem Konsens zu gelangen? Je länger ich drüber nachdenke, desto mehr Fragen entstehen bei mir...für mich ist es schon so, dass ich die Frage nach dem Sinn mit einer spirituellen Ausrichtung verbinde, indem ich z.B. Krisen einen Sinn verleihe, indem ich darauf vertraue, dass sie in einem größeren, spirituellen Zusammenhang zum Wachstum beitragen...das zeichnet für meinen Geschmack eine praktische Spiritualität aus!
Das sind so meine Gedanken zu Deinem klugen Einwurf....

Lieber Andreas,
hmmmh, es hört sich so an, als würde Spiritualität vor allem nützlich sein, Kräfte wecken, mein Leben reicher, mich schöner und überhaupt alles besser machen...
Das deckt sich mit vielen Büchern dazu.
Ich glaube das nicht..., zumindest benutze ich das Wort offensichtlich anders als Du. Ich mag spirituelles Leben nicht einreihen in Lebensbewältigungsmaßnahmen, Coaching-Kontexte und Polit-Leben, auch wenn natürlich alles immer untrennbar miteinander ist.
Ich glaube, dass Spirit nie etwas will, sondern mit der Bereitschaft zu tun hat, zu nehmen was ist.
Und das fühlt sich keiensfalls immer gut an - im Gegenteil: Die viel beschrie(b)ene dunkle Nacht der Seele ist das Gegenteil von freudiger Ekstase.

Die Vermischung zu einem großen friedvollen Brei des Aufbruchs inklusive interreligiöser Nachspeise scheint mir häufig schlicht materialistisch und ebenso linear wie "früher".
Zudem birgt die Verquickung die Gefahr, dass spirituelle Moral plötzlich ihre Krakenarme wieder ausfährt - da landet dann veganes Essen, Meditation und Grundeinkommen schnell in einem Topf...und das muss nicht (kann aber natürlich) gut sein. Oder?
Was bedeutet bitte "Das Richtige machen???"

Die Frage nach Sinn scheint mir sehr wichtig, aber ist sie zwingend spirituell?

Ich bin gespannt auf Deine Antwort...

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