Leben ohne das „So bin ich halt“-Backup

04.05.2017

Was ist eigentlich die grundlegende Frage, die meiner spirituellen Suche zugrunde liegt? Sicher, da gibt es einige Antworten. Aber im Kern lande ich doch bei: Wer bin ich? Was macht mich aus, jenseits von dem, was ich auch in einen Lebenslauf schreiben könnte?
 

Identität bildet sich unser gesamtes Leben über.

Durch die Erfahrungen, die wir mit unseren Eltern gemacht haben und in der Zeit mit ein oder zwei Jahren – als wir anfingen, uns mit unserem Namen zu identifizieren und mit dem, wofür er steht ­– hat etwas Bestimmtes in uns zu klingen begonnen. Und die Frage, wie gestaltbar dieser Grundakkord ist, gehört wohl zu den Mysterien des Lebens. Wobei hier gleich die Frage auftaucht: Wozu etwas gestalten, was bereits da ist? Können wir uns die vielen Seminare, das viele an uns Feilen, die Therapien und Coachings nicht einfach sparen?

Später wirkt die Kultur, in der wir leben, auf unsere Identität ein: die kleinere im Rahmen der Familie, die größere über die Schule und andere Gruppen, zu denen wir gehören. Dann identifizieren wir uns vor allem darüber, welchen Job wir haben und wo wir leben.

Besonders bedeutsam für unsere Identität ist dabei stets, wer wir für andere sind: Identität bildet sich in der Beziehung zu anderen.

Identität1

Neugierig bleiben auf die eigene Geschichte

In der Beziehung zu anderen entstehen auch Geschichten, mit denen wir uns selbst erzählen, wer wir im Kern sind. Und es kann passieren, dass wir uns selbst immer und immer wieder dieselben Geschichten darüber erzählen, wer wir denn nun eigentlich sind – was unseren Handlungsspielraum empfindlich einschränken kann!

Wenn Erfahrungen, die wir als Kind gemacht haben, zum Beispiel dazu führen, dass wir uns für einen schüchternen Menschen halten, dann werden wir uns auf einer Party mit neuen Menschen diesem Glauben entsprechend verhalten. Unser Verhalten spiegelt dann wider, was wir über uns selbst glauben. Das kann dazu führen, dass wir Gesprächen aus dem Weg gehen und uns eher in der Zuschauerrolle einrichten, als dass wir selbst aktiv werden.

Und wenn wir die Party dann verlassen, hat sich unser Glaube, wer wir selbst denn nun sind, weiter verfestigt, weil unser Glaube darüber entschieden hat, worauf wir den Fokus richten.

Identität2
 

Jenseits der gewohnten Bahnen

Etwas, was meiner Meinung nach eng damit zusammenhängt, sind Komfortzonen: Es gibt Dinge, bei denen wir uns einfach wohl fühlen, weil wir sie so gewohnt sind. Was nicht unbedingt heißen muss, dass sie uns auch gut tun.

Vielleicht fühlen wir uns noch wohl, wenn wir vor einer kleinen Gruppe reden, aber sobald wir vor 15 Menschen stehen und etwas sagen sollen, sind wir nicht mehr in dieser Zone und kriegen wacklige Knie.

Das Spannende ist: Diese Zone ist definitiv beweglich! Aber werden wir durch das Bewegen dieser Zone zu jemand anderem? Sind die ersten Schritte auf neuem Terrain quasi „unauthentisch“, weil sie nicht von einem satten „So bin ich, das macht mich aus“ gebackupt sind?

Vielleicht machen wir etwas schon eine ganze Weile auf eine bestimmte Weise und unser Umfeld hat sich daran gewöhnt. Dann kann es sein, dass Leute nicht besonders begeistert reagieren, wenn wir etwas Neues ausprobieren, weil sie dann ja auch selbst gefordert sind, sich zu bewegen.

multitasking

Ich-Gefühl aus sich selbst statt aus der äußeren Welt beziehen

Wenn diese Komfortzone sich weitet, dann können wir uns auch an neue Umstände anpassen. Wir sind nicht mehr so festgelegt darauf, wer wir meinen zu sein. Und auch nicht mehr so angewiesen darauf, für wen andere Menschen uns halten, weil wir diese Identität mehr aus uns selbst beziehen können, als sie im Außen zu suchen.

Und das ist, so meine ich, ein kolossaler Schritt:  Wir sprechen uns selbst gegenüber die Einladung aus, immer wieder neugierig zu schauen, wer wir eigentlich jetzt, in diesem Moment sind. Sind offen für etwas, was sich vom einen auf den anderen Moment verändern kann. Oder sich als ganz anders herausstellt, als unser Verstand es sich vorher ausgemalt hat.

Was es dafür braucht, sind Momente der Besinnung. Momente, in denen wir nicht auf eine Weise unterwegs sind, die das Gewohnte immer wieder aufs Neue inszeniert, sondern in denen wir Tuchfühlung aufnehmen mit unserer Bereitschaft , uns überraschen zu lassen und einen frischen Blick auf uns und das Leben zu wagen.

Aufmerksamkeit fokussieren auf das gewünschte Erleben

Dann können wir mit der Zeit auch wählen, welche Aspekte unserer Identität wir verstärken wollen. Und welche Aspekte unserer Identität uns bisher eingeschränkt oder gefesselt haben, sodass wir sie nicht weiter fördern wollen. Wir bekommen Einfluss darauf, welche Richtung wir einschlagen möchten. Wir können uns ganz bewusst für einen Glaubenssatz entscheiden, den wir an die Stelle setzen von dem Glaubenssatz, der unser Selbstvertrauen bisher unterdrückt hat.

Diese alten Glaubenssätze, die wir lockern und vielleicht sogar loslassen können, mögen auch mit einem Geschenk einhergegangen sein. Wenn ich zum Beispiel etwas dachte wie „ich bin nicht gut genug“, dann kann mich das auch motiviert haben, mehr zu lernen, mich ins Zeug zu legen. Das können wir würdigen. Aber wir tun gut daran, wenn wir gleichzeitig lernen, unseren Weg bewusst auszurichten und ein Klima zu kultivieren, das einen Weg für das unserer Identität innewohnende Potenzial bahnt. Dann ist das Wagen neuer Schritte nicht ein „sich selbst untreu werden“, sondern  – im Gegenteil – ein Akt der Selbstliebe.