Interview mit Jürgen Fliege zu seinem Buch, Männer wachsen im Garten

13.04.2016

 

Im Übergang von Berufstätigkeit zum sogenannten Ruhestand ist manwie in keinem Lebensabschnitt sonst – intensiv auf sich zurückgeworfen. Alles ist plötzlich vollkommen NEU. Das Mehr an hinzugewonnener Freiheit will erst einmal angeschaut, durchdrungen und verarbeitet werden. Die damit verbundenen persönlichen Herausforderungen sind besonders für Männer, die ihr Selbstverständnis vornehmlich aus ihrer Berufstätigkeit abgeleitet haben, immens. Viele fühlen sich in diesem Prozess alleine gelassen. Gesellschaftlich betrachtet ist es (noch) ein ganz privates „Projekt“. Vielleicht überwiegen – späterdie Chancen, aber das kann Mann in der ersten Phase noch nicht sehen. Zunächst ist da ein großer Verlust – gerade auch an Orientierung.

Ich frage Jürgen Fliege, der diesen Bruch bereits einige Jahre hinter sich hat. Er hat seinen originellen Lösungsvorschlag in sein neuestes Buch gepackt:

 

Das Gefühl einer neugewonnen Freiheit und der demütige ‚Rückzug‘ in den Garten, den Sie in Ihrem Buch augenzwinkernd beschreiben. Sind das nicht unvereinbare Gegensätze?

Um diese Frage beantworten zu können, muss man zunächst einmal den Freiheitsbegriff klären. Freiheit heißt ja nicht, von allen Bezügen frei zu sein. Das würde den sicheren Tod für das Kind, wie für jeden erwachsenen Menschen bedeuten. Wir leben in vielfältigen Abhängigkeiten, vom Klima, von der Nahrung, von Kleidung, von anderen Menschen – wir sind schlechthinnig abhängig. Wer diese schlechthinnige Abhängigkeit akzeptiert als eine Geschwisterlichkeit gegenüber den Pflanzen und Steinen, zu den Elementen, zum Kosmos, zum Partner, zu den Kindern und Eltern, zu den Verstorbenen, der hat die höchste Freiheit realisiert.

 

Inwiefern geht es bei dem neuen Selbstverständnis, das Sie beschreiben, um eine nicht mehr auf Konkurrenz bedachte innere Haltung, die sich, egal wo, mit zunehmenden Alter entwickelt?

Man kann diese Frage auf unterschiedlichen Ebenen beantworten. Zum einen lassen es die veränderten Hormonwerte gar nicht mehr zu, in den Kampf zu ziehen. Daher besetzen Unternehmen Führungspositionen eher mit Männern um die 40 als mit 60-jährigen. Ein 70-jähriger Autoverkäufer schreibt in der Regel deutlich weniger Aufträge als ein 30-jähriger. Im Alter benötigen wir ein harmonisches Umfeld, um uns wohl zu fühlen, der aggressive Impuls wird schwächer.

Zum anderen entdeckt der ältere Mensch eine unendliche Befriedigung im Schauen. Aus dem Kämpfer ist ein Anschauer, ein Betrachter geworden. Darin findet er mehr Befriedigung als im Kampf, dem er sich ja auch gar nicht mehr gewachsen fühlt. Der Kämpfer hat sich in einen Meditationsmenschen verwandelt.

 

Ist ein solcher veränderter Fokus vielleicht eine Frage der Reife, eines erweiterten Bewusstseins überhaupt und hat eher mit den eigenen Erfahrungen und dem Umgang damit zu tun, als mit dem Alter in Lebensjahren gemessen?

Die Natur ist viel klüger als wir denken. Sie gibt dem 20-Jährigen die Illusion, er hätte eine freie Entscheidung und dem 80-Jährigen die Illusion, Gott hätte alles gefügt. Alle Zustände, die in unserem Bewusstsein aufsteigen, sind illusorisch - aber schön. Die Natur gibt uns diese Illusion, weil sie uns damit dient und wir ihr. Die Natur ist der Bestimmer und macht, dass der 20-Jährige „on the road“ geht und der 80-Jährige im Bett liegend behaupten kann, „das Ende ist der Anfang“.

Es gibt eine Großwetterlage des Lebens und die bestimmt meine Erfahrung und meine Reaktion. Wir können nicht wissen, was wahr ist. Wir bleiben in der platonischen Höhle gefangen und machen uns Illusionen. Unsere Erkenntnismöglichkeiten sind beschränkt. Wir glauben, dass wir Entscheidungen treffen, in Wahrheit fallen sie ganz irgendwo anders. Wir denken, entscheiden und handeln wie ferngesteuert. Aber immer ist es eine Entscheidung für Dich!

Luther hat gesagt, „Dein Verstand ist eine Hure“. Er meint damit, dass wir etwas tieferem (oder höheren) verpflichtet sind und dieses durch uns wirkt.

 

Sie nutzen im Buch den Garten als ein Bild, um den Entwicklungsprozess des Mannes in seiner zweiten Lebenshälfte zu beschreiben. - Ist dieses Bild nicht spätestens mit dem Gartenzaun zu begrenzt, um die Freiheit, die einer demütigen Haltung dem Leben gegenüber innewohnt, adäquat zu spiegeln?

Der weise Mann weiß, dass es das Wilde gibt und das Wilde hört nicht am Gartenzaun auf. Luther hat einmal gesagt, Ehen sind dafür erfunden worden, um die Anarchie des Sexes zu kanalisieren. Ich nutze gerne diese Analogie, weil Sex eine machtvolle archaische Kraft ist. Sie muss gelebt, gebändigt oder verdrängt werden. Insofern beschreibt der Gartenzaun einen begrenzten Raum, in dem ich mich der Illusion hingeben kann, die Natur beherrschen zu können.Wenn ich genau hinschaue, gleich einem Blick durch ein Teleskop in das so geordnet erscheinende Universum, begreife ich, dass eine Kraft am Werke ist, die alles Menschliche gewaltig übersteigt.

Der Zaun ist da eine hilfreiche Markierung, er liefert mir Orientierung. Hier kann ich ordnen, bis hier reichen meine Kräfte.

 

Sie widmen sich dem Garten in seiner spirituellen Dimension. - Ist der innere Paradigmenwechsel, den Sie beim Mann in seiner zweiten Lebenshälfte beobachten, auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu übertragen?

Das weiß ich nicht. Das bedingt eine Antwort auf die Kant‘sche Frage und die Frage der alten Griechen, ob die Menschheit als solches eine Entwicklung durchmacht und welches unser derzeitiges Entwicklungsstadium sei, ob wir z.B. jetzt in das Wassermannzeitalter eintreten.

Ich kann das nicht erkennen. Wenn wir uns allerdings Statistiken anschauen – Statistiken sind ja unser Zahlengott, dem wir am meisten vertrauen, weswegen wir in ein Flugzeug steigen, obwohl wir uns eigentlich gar nicht vorstellen können, dass es fliegt – stellen wir fest, dass wir immer mehr Menschen ernähren können, die Kindersterblichkeit sinkt, usw.

Aber es ist wesentlich, wann wir den Summenstrich ziehen. Ob jetzt oder z.B. in fünf Jahren, da kann ein Atomkrieg, der vielleicht einen Großteil der Erde und der Menschheit zerstört hat, gekommen sein und dann fällt unser Urteil evtl. ganz anders aus.

Die schwedischen Forscher, die nachgewiesen haben, dass wir gerade in der besten aller Zeiten leben, haben zwar Hitler und Stalin überlebt – aber überleben sie auch den nächsten? Ich glaube nicht, dass die beiden die letzten Manifestationen des sogenannten Bösen waren.

Ich glaube also nicht, dass sich das Menschengeschlecht insgesamt ähnlich entwickelt wie ein einzelner Mann oder die Stufen des Lebens eine Analogie liefern zu Entwicklung der Menschheit. Ich glaube auch nicht daran, dass wir als Menschengeschlecht von Zeitalter zu Zeitalter durch einen Entwicklungsraum wandern und jetzt im Transformationszeitalter, das uns alle göttlicher macht, angekommen sind. Da bin ich zu irdisch, ich komme zu sehr vom Land, als das ich nur in die Sterne schaue.

 

Herr Fliege, vielen Dank für das Interview!

 

Weiterführendes zum Thema:

 

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Blog zum Thema:

http://www.mein-leben-im-alter.de/