Die Würde des Menschen … ist ausbaufähig

06.04.2016

Gastbeitrag von Christian Salvesen

 

Eine Begegnung mit Asylbewerbern im „Connectionhaus“ in Niedertaufkirchen, Bayern

„Jeder Mensch wird von Gott geliebt, so wie er ist, unabhängig davon, welcher Religion er angehört oder ob er überhaupt eine Glaubensrichtung vertritt. Wir sind hier zusammen, um uns in der inneren Stille zu erfahren, in Frieden und Offenheit.“ Der Sufischeich aus dem nahegelegenen Städtchen Prien spricht ruhig und ohne Pathos. Wir sitzen im Kreis. Acht junge Afghanen, eine syrische Familie und die deutschen Teilnehmer an diesem (Sufi-) Abend. Es ist ein erster Schritt zur Integration der insgesamt 16 Asylbewerber, die hier im Connection-Seminarhaus seit einem Monat wohnen. Der Gründer und Leiter des Hauses, Wolf Schneider, möchte über die übliche karitative Versorgung der Flüchtlinge hinaus eine „Transkonfessionelle Verständigung“ erreichen. Es soll eine Atmosphäre der Toleranz und gegenseitigen individuellen Würdigung entstehen.

 

Wie stehen wir zum Islam?

 

Die meisten der Menschen, die in Europa und vor allem in Deutschland Asyl suchen, sind Moslems. Wie im Christentum gibt es auch im Islam unterschiedliche Ausrichtungen, wobei sich die beiden größten Gruppen, die Sunniten und Schiiten, heute wieder besonders heftig bekämpfen. Angesichts der vielen islamistischen Terroranschläge und der Tatsache, dass radikale, fundamentalistische Gruppierungen wie der IS oder die Salafisten in möglichst vielen Ländern einen islamischen Staat einrichten wollen, wächst hierzulande die Angst, von etwas Fremden überrollt zu werden.

Der Islam ist uns kulturgeschichtlich einerseits näher als etwa der Hinduismus oder Buddhismus. Immerhin bezieht er sich im Kern auf die Bibel. Andererseits gab es seit seinen Anfängen im 7. Jahrhundert immer wieder heftige kriegerische Zusammenstöße zwischen Moslems und Christen. Lessing und Goethe warben für Toleranz, Schopenhauer hielt den Islam für „die dümmste aller Religionen“. Auch wenn oder gerade weil immer noch unbekannt, ist der Islam in jüngster Zeit vielen geradezu unheimlich geworden. Eine Bedrohung der freiheitlich-demokratischen Werte-Ordnung und speziell eines Lebens, in dem sich Frauen ohne Angst frei in der Öffentlichkeit bewegen wollen.

In seinem aktuellen Buch „Mein Isl@m“ gibt der Blogger Amir Ahmad Nasr - hochgelobt in den großen US-Medien wie der „New York Times“ - Einblicke in muslimisches Denken und Empfinden. Er hat mit seinem Blog „The Sudanese Thinker“ die revolutionäre Bewegung des „Arabischen Frühlings“ unterstützt, vielleicht sogar vorangetrieben. Im „Prolog“ seines Buches schreibt er: „Als Kind liebte ich einige Zeit lang einen wunderschönen, spirituell befreienden, mystischen Islam. Später lernte ich einen anderen Islam kennen, der aber eng damit verknüpft war. Er befahl mir, dass ich an bestimmten Glaubenssätzen festhalten musste, weil ich sonst für alle Ewigkeit in der Hölle schmoren würde. Und er stellte eine hohe, beengende Mauer zwischen mich und die magische Neugier und das freie imaginative Denken, das ich als Kind so liebte.“

Das trifft womöglich auf uns alle zu. Vielleicht nicht so krass mit der Androhung von Höllenqualen. Aber ist das Mystische, das Staunen, die Offenheit nicht ein Merkmal des Kindes? Und werden nicht zwangsläufig die Regeln des Glaubens, Gehorchens und Gewinnens darüber gestülpt – von wohlmeinenden Eltern, Erziehern, Priestern und Imamen?

 

 

Die Syrer

 

Im Connectionhaus wohnen eine vierköpfige afghanische Familie, die gerade erst einige Tage in München ist, und die Gruppe aus der syrischen Stadt Homs: der 67-jährige Ali, seine Tochter May (27), deren Cousin Maxem (39) und der neunjährige Zain, Alis Enkelsohn. Die Mutter ist noch in Syrien. Zain geht in die 2. Klasse der Grundschule in Niedertaufkirchen, wo er wohlwollend aufgenommen wurde. Seine großen Augen schauen meist stumm und wie mir scheint traurig ins Weite. Ob er traumatisiert ist? Wir sitzen im gut geheizten Zimmer der Familie, die mich überaus herzlich begrüßt und zum Tee eingeladen hat. Es hapert etwas an der Verständigung auf Englisch. May übersetzt öfter ins Arabische, und es gibt längere Wortwechsel in der mir unbekannten Sprache.

Als im Herbst die Bomben auf Homs hagelten, sind sie über die Türkei, Griechenland und die Balkanroute nach Deutschland geflohen. Gut einen Monat waren sie mit vielen anderen in einer großen Turnhalle im nicht weit entfernten Waldkraiburg untergebracht. Doch Anlass für die Flucht waren noch weitere Gründe. Immer mehr Menschen – darunter auch Bekannte und Verwandte aus ihrer Straße – wurden und werden von Unbekannten entführt und nur gegen ein Lösegeld freigegeben. Da ist eine Art Mafia entstanden, der es nur ums Geld geht. Die Wirtschaft ist in Syrien zusammengebrochen, die Währung derart gesunken, dass für Handwerker wie Ali keine Arbeit mehr möglich ist. Und schließlich: Ali und seine Familie gehören zu den Alawiten, einer gemäßigten Richtung im Islam. Sie wurden von den Sunniten im Lande massiv als Ungläubige beschimpft und bedroht. „Wir sind nicht für Assad. Aber er ist immer noch besser als die Islamisten. Denn die wollen den Islamischen Staat.“ sagt May, und ihr Vater nickt. Er steht dazu, ein „Ungläubiger“ zu sein. Sie würden aus dem Islam austreten. Doch darauf steht die Todesstrafe. „Viele denken wie wir“ sagt May. „Sie trauen sich nur nicht, das offen zu sagen.“

 

 

Die Würde des Menschen

 

Ich frage, ob sie schon einmal das Wort „Grundgesetz“ gehört haben. Eigentlich sollte es ihnen erklärt worden sein. Auf YouTube gibt es eine ansprechende Erläuterung, leider bisher nur auf Deutsch (Video oben). Sie haben davon nichts gehört. Und mir fällt nicht einmal das englische Wort für „Grundgesetz“ (Anm. d. Redaktion: "constitution") ein. Auch mit dem ersten Artikel: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ komme ich nicht so recht durch. Würde? Dignity? Kopfschütteln. Freiheit? Freedom? Ja. Ich erkläre: Jeder darf hierzulande tun, was er für richtig hält, das gilt ebenso für Frauen. Nur sollte Mann/Frau keinen anderen dabei schaden oder in seiner Freiheit einschränken. May versteht das sofort. In Syrien darf sich jeder öffentlich zu jeder Religion, auch zum Atheismus, bekennen, sagt sie. Er darf nur nicht andere Religionen kritisieren, auch nicht die Regierung. Und das war ja wohl der Anlass für die ersten Demonstrationen 2011, die dann den katastrophalen Bürgerkrieg ausgelöst haben.

 

Fazit

 

Es sagt sich so leicht: „Das Leben ist ein Abenteuer“. Doch dies ist kein Film mit Harrison Ford als Indiana Jones. Der Punkt ist: Vom Fernsehen zur Wirklichkeit zu kommen. Sich einmal selbst mit den Flüchtlingen zu unterhalten. Sie anzusprechen. Sie sind ja überall. In Zügen, am Rathaus. Meist mit dem Handy beschäftigt. Dem berühmt-berüchtigten „Wir schaffen das!“ möchte ich hinzufügen: „Jeder auf seine Weise.“

 

Homepage: www.christian-salvesen.de

Blog von Wolf Schneider: http://connection.de/patriarchale-autoritaet/