Das Upgrade als moderne Heilslehre

30.06.2017

Manches im Leben währt ewig. Naja, zumindest fast: „Bis dass der Tod euch scheidet“, schwören Heiratende einander im Treueschwur. Wer Scheidungsstatistiken studiert, dem droht im Hinblick auf den Wert von Kontinuität einiges an Ernüchterung. Die Hälfte der Ehen werden inzwischen wieder geschieden. Anscheinend gelangen wir immer wieder an einen Punkt, wo der „Lack ab ist“, wo das Faszinosum Neuheitswert verblasst. Was dann folgt, das lassen Hollywood-Streifen genau wie einschlägige Liebesromane in der Regel wohlweislich im Nebulösen. Es interessiert schlichtweg nicht mehr, schließlich kennen die beiden einander irgendwann – und was soll dann schon noch passieren? Routine ist out. Die Dinge sollten den gewissen Pep beibehalten, sonst wird es fad und etwas in uns beginnt, sich zu langweilen.

unentschlossen

Trifft das auch auf Veranstaltungen zu, wie Du sie in Deinem Blogbeitrag als etwas altbackene Familientreffen charakterisierst? Oder gerät uns auch hier der Anspruch ins Gehege, dass alles bitteschön den gewissen Nervenkitzel beibehalten soll? Wer gerne über Messen schlendert, der wird feststellen: Bewährtes mit Neuem zu kreuzen und irgendetwas hervorzubringen, was es so in der Form vorher nicht gegeben hat, das sichert einem zumindest schon mal die Aufmerksamkeit der Neugierigen. Die Yoga-Szene ist dafür beispielhaft – immer wieder erblicken neue Stile das Licht der Welt. Ersonnen von Leuten, die ihren eigenen Zugang zum Yoga entwickelt haben. Und nun den Anspruch haben, damit eine „Leerstelle“ zu besetzen, wie es dann heißt. Aber wer hat eigentlich darunter gelitten, dass diese Stelle zuvor „leer“ war? Oder, anders gefragt: So fantastisch wir das menschliche Vermögen zu Innovation auch finden können und so sehr es eine stete Triebfeder von Evolution gewesen ist – tun wir uns einen Gefallen, wenn Innovation zum Selbstzweck wird? Mehr vom Selben, das mag den abwechslungsverwöhnten Geist zunächst langweilen. Aber dann beruhigt es ihn. Es gibt Struktur, es bietet Sicherheit. Diesen Zweck erfüllen beispielsweise Jahresfeste, sie geben dem Jahr einen Rhythmus, eine Hintergrundfläche, die Orientierung bietet und damit überhaupt erst die Möglichkeit stiftet, dass wir uns Neuem zuwenden können, ohne dabei den Boden unter den Füßen zu verlieren.

authentisch

Authentisch statt angesagt

 

Mit meiner Männergruppe war ich vor einigen Wochen einige Tage im Sauerland wandern – und wir sind untergekommen in einer Herberge, die einen musealen 50er Jahre-Charme ausgestrahlt hat. Ist es möglich, ein Haus so zu führen? Und gleichzeitig konkurrenzfähig zu bleiben gegenüber Häusern, die mit modernem Chic aufwarten können? Ich würde sagen: Ja, das gestrig Wirkende hat seine Berechtigung. Aber gleichzeitig schätze ich sehr, wenn jemand sich seines Kerns bewusst ist und diesen zeitgemäß zu interpretieren weiß. Zeitungen mussten sich ein Stück weit neu erfinden, als die Auflagen sanken – unter anderem mit Klassikereditionen konnte sich beispielsweise die „Süddeutsche Zeitung“ nach einer Krise in den 90er Jahren allmählich sanieren. Das scheint mir beispielhaft: Nicht zwanghaft jeden Trend mitmachen müssen, weil es irgendwie „angesagt“ scheint, dieses oder jenes fortan auf eine bestimmte Weise zu tun (als Unternehmen etwa im Hinblick auf Social Media breit aufgestellt zu sein). Sondern sich wirklich die Zeit zu nehmen zur Innenschau – mit der Frage, inwiefern sich etwas vom Kern mithilfe der Modernisierung zeitgemäßer zum Ausdruck bringen lässt als bisher, ohne dabei den Kontakt zu verlieren zu dem Bewusstsein, was einen als Unternehmen oder auch als Menschen ausmacht. Dann rennen wir nicht mehr orientierungslos von einer Selbstoptimierungstechnik zur nächsten, sondern können Selbstverantwortung übernehmen – für uns und für unseren Prozess, uns im Werden und Entstehen immer treuer zu werden. Das ist eine Form von Evolution. Das, wie wir als Wesen gemeint sind, strebt danach, sich in uns auszudrücken. So sind wir letztlich wie die Skulptur von Michelangelo, die bereits existiert, wenn äußerlich noch ein grobschlächtiger Steinklotz zu sehen ist. So wie es die Aufgabe des Steinhauers ist, dieses bereits im Stein angelegte Kunstwerk freizulegen, so sind auch wir dazu aufgefordert, uns nicht im Meer der Möglichkeiten und fragwürdigen Modernisierungen umher zu vagabundieren, sondern unserem Leben einen Fokus zu schenken – und auch mal über einen längeren Zeitraum dranzubleiben, ohne dem Reflex des Wunsches nach Neuem auf den Leim zu gehen.