Von der Lust und der Qual ein Autor zu sein - Gastbeitrag von Autor Eckart Warnecke

12/04/2017 – Schreibtipps

 

 

Ein Buch zu schreiben ist im Grunde genommen etwas schrecklich Schönes. Man hat eine Idee, irgendeine Art von Drang, von Mission – vielleicht ist es auch eine Form von Lust – und dann muss es losgehen. Der Anfang ist klar, oder ist es eher das Ende. Wie eine Geschichte ausgeht entscheidet sich oft erst im Verlaufe des Schreibens. Ganz ähnlich, wie es der Satz eines früheren deutschen Literaten auszudrücken pflegte, ‚von der allmählichen Vervollkommnung der Gedanken beim Reden‘ – oder hieß es ‚beim Scheiben‘? Verflixt, nun habe ich gerade keinen Internetzugang, sonst hätte ich ratzfatz diese Frage beantwortet.

Also, wir befinden uns in der Findungsphase, oder sind wir schon mittendrin?

Fakt ist jedenfalls, es muss irgendetwas aus uns raus, muss zu Papier. Hach! Zu Papier! Wie lustig, das war ja alles mal. Es muss rein in den PC, in das Notebook, manchmal auch schon nur noch ins Smartphone, was aber zum Teil ein wenig schwierig und diffizil ist. Warum? Na, gucken wir uns mal diese Minitästchen an. Wie schnell gleitet man da ab und baut Fehler ein. Nun gut, Fehler schleichen sich auch beim Schreiben auf Papier wie auch beim Eintippen auf einer normalen Tastatur ein, aber eben beim Smartphone kommen auch noch die unbeabsichtigten Fehler hinzu, zum Beispiel dann, wenn sich die Fingerkuppe mal nicht genau genug auf eine dieser winzigen Flächen zubewegt, die man gerade berühren möchte mit dem Ziel, dass daraus nun bitteschön ein Buchstabe auf dem Display, später ein Wort, ein Satz und am Ende letztlich ein gesamter Text entstehen möge.

Zurück zum Buch.

Es ist da eben diese vage Vorstellung, entstanden aus einem unerklärlichen Bedürfnis, sich mitzuteilen, etwas in die Gemeinschaft hineinzustellen und dann entsteht die erste Seite. Nein, sie ist noch nicht ganz zu Ende und einiges gefällt einem schon mal nicht daran. Dann wird korrigiert, umformuliert, auf den Punkt gebracht. Was wollte ich eigentlich gerade ausdrücken? Und dann sind plötzlich drei Seiten fertig; klingen eigentlich gar nicht schlecht. Aber es sind auch zwei Stunden vergangen, die Pflicht ruft, Text sichern und dann an die Arbeit, an die ‚richtige Arbeit‘. Dann das ist ja hier im Grunde genommen keine richtige Arbeit. Aber später, da mache ich weiter. Ich habe auch schon eine Idee, was jetzt folgen müsste, nur zu blöd, dass ich das nicht gleich noch eintippen kann.

Und so vergeht der Tag, auch aufregend, aber ein Teil des Gedächtnisses hängt am Text. Nur nicht diese tolle Idee vergessen, sollte ich mir vielleicht einige Stichworte machen, um mich daran später wieder zu orientieren, damit man nicht plötzlich mit einem Blackout vor dem Notebook sitzt, wie der sogenannte ‚Ochs vor’m Berg‘.

Die Tage vergehen, du stehst auf mit dem Gedanken, wie viel Zeit habe ich noch zum Schreiben, wann muss ich zur Arbeit. Nur keine Zeit verplempern, schnell was rein tippen, bevor der geniale Gedanke wieder ins Unterbewusstsein absinkt. Denn das ist ja das dumme Phänomen ähnlich wie bei einem Traum: wenn man es nicht irgendwie fest hält, sichert, dann rutscht es irgendwo hin im Gehirn und wir kommen nicht mehr dran. Also, der Getriebene Literat steht auf, freut sich auf’s Schreiben und dann … fällt einem plötzlich nichts mehr ein. Man sitzt, man meditiert, man redet sich ein, dass in der verbleibenden Zeit, vielleicht noch einer Stunde, sicherlich wohl noch was Sinnvolles an Gedanken kommen wird, aber die Minuten verstreichen, man schaut auf die Uhr, der Druck steigt, noch eine Viertelstunde Zeit! Und plötzlich, du fängst mit irgendwas an, um überhaupt noch was zu haben, etwas konstruktives, Sinnvolles, du schreibst und liest die drei Absätze noch mal durch und denkst: „Das passt ja irgendwie, hätte ich anfangs vorhin gar nicht gedacht.“

Und dann vergeht ein Tag nach dem anderen, die ersten dreißig Seiten stehen. Aber der Titel, die erste Idee gefällt dir nicht mehr so richtig, grübeln, was sich möglicherweise gut anhören könnte, aber wo auch ein Leserinteresse liegen könnte. Aber anders rum gesagt, du schreibst das ja erst mal für dich; für dich und es kommt einzig und allein erst mal darauf an, dass du überhaupt fertig wirst, dass du ein Ende findest, und den Bogen vervollkommnest, der sich zwischen Anfang und Ende über den Text erstreckt, und auch denjenigen Bogen, der zwischen dir, deiner Absicht und dem Ergebnis erstreckt. Und dann gehst du wieder ins Bett und dann fällt dir auf, dir kommt der Kontext immer mehr abhanden, wo im entstehenden Gesamtwerk bist du eigentlich gerade, welche Logik sollte jetzt folgen und du liest alles noch mal durch. Nicht alles, aber du überfliegst es, sonst bist du ja die nächsten Stunden nur noch mit Lesen beschäftigt und dann kommen einige kümmerliche Korrekturen heraus und du sagst dir, es sollte vielleicht mal eine Pause geben oder sollte man das Ganze etwa aufgeben, schließlich gibt es interessantere Themen.

Und dann stehst du wieder auf, hast eine Idee, schreibst sie und fügst sie in den bestehenden Text ein, und es passt. Das gibt es doch gar nicht, Freude; es kann also weitergehen, macht doch Sinn. Und du merkst kaum, wie du in einer anderen Welt lebst, in einer Welt die sich ein Stück weit von der realen Welt abhebt, in der Gedankenwelt; denn du stehst mit deinem Text morgens auf, überlegst dir tagsüber, wie es weitergehen könnte und später bringst du noch was zu Papier. Nein, nur in die digitale Datei hinein – aber Thema hatten wir ja schon durch.

Und wenn dann doch mal wieder Zweifel kommen, dann fragst du dich, wozu das Ganze, könnte man nicht auch etwas viel Sinnvolleres machen? Dazu vielleicht später, keine Zeit mehr für diesen Aspekt, die Frau ruft, es soll zum Frühstücken gehen …

 

- Eckart Warnecke