Happy Birthday, Carmen Thomas

11.05.2016

Mit der Sendung „Hallo Ü-Wagen“ erfand Carmen Thomas 1974 die erste Mitmach-Sendung im Rundfunk. Der Wagen war zunächst nur in Köln unterwegs und irgendwo versteckt. Das Publikum musste ihn also erst einmal finden. Ein „zynisches Konzept“, findet Carmen Thomas heute, denn darin habe sich eine unverhohlene Abwehr gegenüber dem Direktkontakt mit einfachen Hörerinnen und Hörern ausgedrückt. Bei vielen Print-Medien ist diese Haltung gegenüber den Leserinnen und Lesern heute immer noch vorhanden. Die Grundhaltung war und ist eher: „Wir, Herr Professor / Herr Minister/, erklären dem einfachen Volk jetzt mal ... Ein Paradigma, das durch die Erfolge von Social Media und Selfpublishing gerade mehr und mehr unterlaufen wird. [Siehe mein Beitrag: Die unkommentierte Revolution Menschen auf der ganzen Welt beginnen ihre Fähigkeit zur Selbstbestimmung wiederzuentdecken!] Am Samstag feierte Carmen Thomas ihren 70. Geburtstag. Grund genug, die Pionierin auf dem Gebiet der „Kommunikation auf Augenhöhe“ zu befragen.

 

Und ich kann Sie an dieser Stelle nur ermutigen: Machen Sie mit! Kommentieren Sie diesen Beitrag, schreiben Sie über Ihre Erfahrungen.

 

Herzlich, Ihr Joachim Kamphausen

 

J.K. Liebe Frau Thomas, Sie waren die erste, die sich konsequent alle Themen vom Publikum vorschlagen und sich Auszüge aus der Post pro + contra vorlesen ließ. Inwiefern hat das die Aussagekraft der Sendung verändert?

 

C.T. Die Erfindung des „Mitmach-Journalismus“ beruhte auf der Entdeckung, dass es wirkungsvoller und folgenreicher war, das Politische im Persönlichen aufzufalten. Es wurde immer deutlicher, wie sehr es lohnte, sich um Themenbereiche zu kümmern, die bis dahin ignoriert worden waren: glimmende oder lodernde Alltagsthemen, die den Menschen auf den Nägeln brannten. Deshalb befand das Publikum auch, — wenn es nach den Qualitäten von „Hallo Ü-Wagen“ gefragt wurde — „dass die immer so aktuelle Themen haben“. Ein anderer Aktualitätsbegriff entstand: Es ging um Themen, die auf keiner Pressekonferenz vorkamen.

 

J.K. Wurden Sie von Anfang an bei dieser neuen Kommunikationskultur unterstützt?

 

C.T. Die Verächtlichkeit im Haus hat sich erst gelegt, als Anerkennung von außen kam. Die „SZ“ berichtete mit einer halben Seite, das „Zeit Magazin“ mit sechs Seiten über die Sendung.
Wir erhielten Preise wie „das goldene Mikrofon“ und den „Prix Medial“. Ab diesem Moment ist das Ansehen von »Hallo Ü-Wagen« gestiegen“. Bis sie schließlich Kult wurde.

 

J.K. Was hat Sie durchhalten lassen?

 

C.T. Von Beginn an gab es diesen unglaublich berührenden Rückhalt beim Publikum: in Briefen, in Begegnungen, in spontanen Essenseinladungen für alle Mitwirkenden direkt nach den Sendungen. WDR 2 war in den Siebzigern mehr oder weniger der einzige Sender für die 18 Millionen Einwohner-innen von NRW. Zwar waren die Zeiten der 50iger und 60iger Jahre vorbei, in denen sich Menschen im Wohnzimmer versammelten und Freunde und Verwandte zum gemeinsamen Zuhören einluden, das Radio war aber immer noch wichtiger als das TV.

 

J.K. Haben Sie das „Mitmach-Radio“ als Ihre „Aufgabe“ erfahren?

 

C.T. Die frühen Siebziger standen ganz im Zeichen von Willy Brandts Maxime „Mehr Demokratie wagen“. Insofern war es nicht bloß „nett“ von mir, die Menschen ins Radio einzuladen. Das entsprach dem Zeitgeist. Andererseits war das Publikum noch total ehrfürchtig. Die meisten sahen zum ersten Mal mit eigenen Augen, wie Radio gemacht wird; ganz zu schweigen davon, dass sie einfach so — vor allem komplett ungefiltert — von sich aus mitmachen durften. Manche zogen sogar ihre beste Kleidung an und gingen vorher zum Friseur, wenn sie zu „Hallo Ü-Wagen“ kamen. Gleichzeitig hatten die meisten große Scheu, in ein Mikrofon zu sprechen. Es gab noch so viel Angst, sich öffentlich zu blamieren. In meiner Moderationsakademie unterstütze ich auch heute weiterhin Menschen dabei, sich selbstbewusst in der Öffentlichkeit zu zeigen. Interviewen und Moderieren lässt sich wie Auto- oder Rennenfahren üben!

 

Auch das „Hallo Ü-Wagen“-Team wuchs an Herausforderungen und Notlagen: Es kamen manchmal Betrunkene und Verrückte; es fanden Demos und 2 mal eine Prügelei statt; 2 mal flogen Eier; Johannes Rau wurde fast von einem Stahlschild im Sturm schwer verletzt; ich fiel bei laufender Sendung kopfüber vom Wagen und wurde vom Publikum aufgefangen. Jedes Mal wurden weitere Forschungs- und Lernschritte als Konsequenzen aus dem entwickelt, was wir erlebten. „Hallo Ü-Wagen“ war genau das, was ich immer gerne machen wollte: Ich hatte meine Rolle als Dolmetscherin zwischen Expertinnen und Verantwortlichen und dem „normalen“ Volk gefunden hatte. Statt mit Moderations-Karten zu fragen, was ich hören wollte, wollte ich immer besser lernen, zu hören, was das Gegenüber zu sagen hat.

 

JK: Welche Konsequenzen ergeben sich denn für Ihre zukünftige Arbeit aus den Erfahrungen mit dem Publikum?

 

CT: In den 20 Jahren "Hallo Ü-Wagen", plus durch die Coachings, die seit 1980 im Hintergrund meiner öffentlichen Arbeit top-diskret stattfinden, plus die "sich selbst moderierenden Gruppen", von denen die älteste gerade ihren 40. Geburtstag ohne zu bröckeln gefeiert hat, wurde klar, dass sich durch gezielte Fehlerfreundlichkeit die systematische Gruppen-Klugheit herstellen lässt. Deshalb traten an die Stelle der Mitmach-Sendungen seit 1998 "Mitmach-Foren" und "Mitmach-Ateliers". >>Info<<

 

JK: Was planen Sie, wie lange Sie solche Veranstaltungen und Coachings machen werden?

 

CT: Unter der Devise "Jung bleiben beim Älter werden": bis ich tot bin. Ein so privilegiertes Leben mit so viel ungewöhnlichen Kontakten und Einsichten in Sachen Kommunikations-Optimierung ergibt ja quasi eine Verpflichtung, möglichst viel von den, durch die tägliche Praxis ja beständig  weiterwachsenden Einsichten und Erkenntnisse weiterzugeben. Schließlich ist Kommunikation der Schlüssel zu allem — egal ob im Gespräch, am Telefon oder schriftlich. Kommunikation gibt den Ausschlag für Erfolg, für Zwist beilegen können, für hilfreiches Bewegen und stabilisierendes Halten von Menschen und Dingen. Dass das in kleinen Schritten gelingen kann, hat "Hallo Ü-Wagen" gezeigt. Und auch, dass "Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht".

 

J.K. Vielen Dank für das Interview!

 

Über Carmen Thomas:

 

Carmen Thomas, deutsche Journalistin, Bestsellerautorin sowie Medien- und Führungskräfte-Coach, war die erste Frau, die von 1973 bis 1975 eine Sportsendung in Deutschland moderierte: das „Aktuelle Sportstudio“ des ZDF. Sie schrieb zahlreiche Bücher darunter auch den Bestseller „Ein ganz besonderer Saft — Urin“.

 

 

Weitere Artikel zum Thema:

 

Über den Mut, Fehler zu machen: http://www.dorstenerzeitung.de/leben-und-erleben/unterhaltung/buntes/promis/geburtstage/Promi-Geburtstag-vom-7-Mai-2016-Carmen-Thomas;art630,3011915

 

Authentisch sein: http://www.derwesten.de/panorama/von-schalke-05-will-carmen-thomas-nichts-mehr-wissen-id11804520.html

 

Alle Themen aus den 20 Jahren „Hallo Ü-Wagen“ sind im Überblick unter „www.moderationsakademie.de/Historie“ nachlesbar

Kategorie: Verlagswesen