Der mittlere Weg als „Ziel“ eines spirituellen Lebens?

03.03.2017

Ich habe mir vor einer Weile angewöhnt, wieder regelmäßig TV-Nachrichten zu schauen.
Was mag mich da geritten haben? Schließlich trägt doch wohl keine dieser Meldungen dazu bei, mich in die Innenwelt zu führen. Donald Trump verwechselt den äußerst verantwortungsvollen Posten des US-Präsidenten mit einer Ego-Schaubühne, die in erster Linie nicht dem Wohle des Planeten dient. Auch nicht dem der Menschheit.
Nein, seine Devise lautet: America first. Und wenn er ehrlich wäre, müsste es wohl heißen:
„Me first.“ Da strahlt jemand nicht einen Hauch von Demut aus, wie sie meinem Weltbild nach für dieses Amt angemessen wäre, stattdessen toppt eigentlich jede Nachrichten-Sendung den Vorabend, wenn es darum geht, die Groteske noch ein Stück weiter auf die Spitze zu treiben. Was treibt mich an, was fasziniert mich an diesem „Spektakel“-Charakter von Trumps ersten Wochen im Amt, an seinem wohlfeilem Ausreizen (und Überschreiten!) bisheriger Geschmacksgrenzen, dem gezielten Spalten der Gesellschaft und dem mitunter abstrusen Diskreditieren von Feindbildern (aktuell sind vor allem die Medien in seinem Kreuzfeuer)?

 

Wie krisenrobust ist unser WIR?

 

Vielleicht ist es eine Form von Fassungslosigkeit. Gewohnte Selbstverständlichkeiten, dass die Welt schon „irgendwie gut“ ist, dass wir als Weltengemeinschaft genug leidvolle Lernerfahrungen hinter uns haben, um als demokratischer Gesellschaft bestimmten Fallen der menschlichen Natur mit hilfreichen Konstrukten zu begegnen, die uns vor schauderlichen Abwärtsspiralen schützen, erscheinen plötzlich fragwürdig.

 

Trump mutet wie ein äußerst ernüchternder Realitätstest an, wie sehr diese Konstrukte strapaziert werden können. Lassen wir es zu, dass ein Mann basierend auf persönlichen Eitelkeiten ein kostbares, wenn auch unsichtbares Gut zertrümmert?
Ich brauche nur daran denken, wie lächerlich es anmutete, als er am ersten Tag seiner Amtseinführung entgegen aller Fakten darauf bestand, nie in der Geschichte Amerikas hätten sich mehr Menschen in Washington versammelt, um ihrem neuen Anführer zuzujubeln. Wie ein trotziges Kind, das von Mama und Papa hören möchte, dass seine Sandburg aber bitteschön die größte ist.

 

TrumpDaumenhoch

 

Aufrütteln lassen, um den mittleren Weg zu finden

 

In diese Diskussion gestartet sind wir mit dem Thema Digitalisierung. Mir scheint dieses Thema aber wie ein Platzhalter für etwas sehr Zentrales, der sich austauschen lässt gegen ein Phänomen wie „Trump“. Wenn ich einen gewissermaßen „spirituellen Blick“ einnehme und das Außen als Projektion der Innenwelt betrachte, dann können sowohl die Digitalisierung als auch Trump regelrechte Aufrüttler sein, die uns an die Tugend des mittleren Weges erinnern.

 

Ja, es hat keinen Sinn, mich völlig im Außen zu verlieren, zu erstarren angesichts ängstigender Ereignisse und Entwicklungen. Wenn ich nicht mit dem Innen verbunden bin, bin ich letztlich dazu verdammt, auf dem weiten, „Leben“ genannten Ozean dahinzutreiben.
Getreu dem Motto: Was mich umgibt, nehme ich hin. Letztlich ist es egal. Ändern kann ich es eh nicht.

 

Spiritualität nicht als Kuscheldecke missbrauchen

 

Genauso wenig ratsam scheint es mir, mich im Innen zu verlieren. Also ein asketisch anmutendes Leben zu führen, das gegen den Unbill der Welt (spirituelle) Schutzmauern errichtet hat: Da draußen mag ein Trump die Welt herunterwirtschaften und Erdogan Journalisten einsperren, aber alles ist ja halb so wild, solange ich es schön warm habe und mich in das Narrativ plumpsen lasse, dass ich meinen Beitrag ja leiste, indem ich etwa morgens früh zur Meditation aus dem Bett krabbele, regelmäßig Yoga praktiziere oder mich sonstwie auf dem „richtigen“ Weg wähne. Meines Erachtens lauert hier die Gefahr einer subtilen Variation des bereits erwähnten „Me first“.

 

„Vertraue und lasse Dich führen. Es ist alles nur eine Erscheinung in D-/meinem Bewusstsein, es hat keine darüber hinausgehende Relevanz und vor allem: All das hat keinerlei Substanz“, schreibt Du in Deinem Beitrag, lieber Joachim. Ich finde diese Worte zumindest missverständlich, weil sie eingesetzt werden könnten, um eine spirituell dekorierte Komfortzone nicht nur zu rechtfertigen, sondern sich selbst auch noch einzureden, dass ein spirituell getöntes „Anything goes“ die richtige Antwort auf all die globalen Herausforderungen ist.

 

Auf die Haltung dahinter kommt es meiner Meinung nach an, das scheint mir den mittleren Weg auszuzeichnen: Dass ich mir meiner Werte bewusst bin und ihnen entsprechend ein Leben gestalte, das zwischen Aktivität und Kontemplation immer wieder aufs Neue ein lebendiges, oszillierendes Gleichgewicht herstellt. Und meine Werte in Handlungen übersetzt, mögen sie noch so unscheinbar wirken. In ihrer Summe sind sie es nicht.

 

Die Hoffnung auf ein Patentrezept, das man einmal findet, gilt es dafür wohl loszulassen. Ich glaube, dass viele Bücher im Bereich „Körper – Geist – Seele“ aus dieser Sehnsucht heraus gekauft werden, ein „Patentrezept“ offenbart zu bekommen. Quasi den „heiligen Gral“ für ein glückliches Leben, an den ich mich dann nur noch zu halten brauche, um all den unendlich komplexen Fragen aus dem Weg zu gehen, all der Mühsal, die damit einhergeht, verbunden zu bleiben mit der Welt.

 

YogaInnen

 

Im Innen eine Antwort hegen

 

Nicht den passiven Zuschauer, der täglich um 20 Uhr die Tagesschau einschaltet und es dabei belässt, braucht diese Welt, sondern Menschen, die so in ihrer Kraft sind, dass sie die Schnittstelle zwischen Innen und Außen eigenverantwortlich regulieren können. Die sich so sehr von Geschehnissen im Außen berühren lassen, dass dadurch die Dringlichkeit erwächst, im Innen eine Antwort zu suchen und zu hegen. Eine Haltung, die ich nicht ein für alle Mal in Stein meißele, sondern immer wieder neu austariere, in einem lebendigen Zusammenspiel von Außen und Innen, von Individuum und Kollektiv, wie es Ken Wilber in seinem integralen Modell schildert.

 

Spiritualität – das zeigt etwa das Buch „Boten des neuen Wir“ von Ursula Dziambor – kann mir bei dieser lebenslangen Mission wertvolle Dienste leisten, indem sie mir Wege aufzeigt, wie ich meine Verbundenheit mit etwas Tieferem in den Alltag einwebe. Vielleicht ist dieses Tiefere die Annahme, dass wir eigentlich Seelen sind, die sich in einem Körper manifestieren und so dem Göttlichen die Möglichkeit geben, sich selbst zu erleben. Die Frage, ob das beweisbar ist oder nicht, erübrigt sich in dem Moment, da mir diese Annahme hilft, den „mittleren Weg“ zu praktizieren. Einen Weg, der Dualitäten wie Kopf und Herz, Innen und Außen transzendiert und vereint. Der mir hilft, mein eigener Alltagsmystiker zu sein. Der mir, wie ein Seelen-GPS, hilft, mich immer wieder neu auszurichten. Ein „Geführtwerden“ in diesem Sinne scheint mir eine wichtige Antwort auf die Komplexität der Digitalisierung oder auch des Phänomens „Trump“ zu sein.

Kategorie: Verlagswesen