Brutstätten, in denen Ideen das Laufen lernen

20.04.2017

Ich weiß noch, wie ich als Kind mal eine Zeitungsdruckerei besucht habe – und wie faszinierend ich die Erkenntnis fand, was sich alles mitten in der Nacht in Gang setzen muss, damit nur wenige Stunden nach dem Abpfiff eines Fußballspiels bereits eine auf Papier gedruckte Spielauswertung im Briefkasten steckt: Ingenieure haben Maschinen ertüftelt, die in irrwitzigem Tempo rattern, schnaufen und rotieren. Aber im Alleingang schaffen sie es nicht – Menschen müssen sich mitten in der Nacht den Wecker stellen, um zum Beispiel auf Paletten Zeitungspakete zu stapeln, wie ich sie vor gut zehn Jahren selbst mal einen Bamberger Sommer lang frühmorgens in einer nach Ölschmiere riechenden Druckereihalle wuchtete.
Das Verwobensein all der Faktoren, derer ein Resultat wie eine Zeitung oder auch ein Buch bedarf, blenden wir im Alltag in der Regel aus. Insofern: Klasse Initiative, einmal die Verlagspforten zu öffnen und interessierten Menschen Einblick zu geben, was sich an Prozessen hier abspielt!

 

Buchstapel

 

Nicht zu viel, nicht zu wenig - die Kunst des "Reinredens"

Zumal ich einen Verlag schon als Sehnsuchtsort bezeichnen würde. Bei Kindern in den Traumberuf-Charts zwar sicher hinter Tierärztin, Pilot und Feuerwehrmann zu verorten, repräsentieren Verlage meiner Einschätzung nach für viele Menschen etwas Hehres:
Eine Brutstätte, in der Gedanken vom Stadium der anfänglichen Schnapsidee („Ach, eigentlich könnte ich doch mal ein Buch schreiben...wobei: Gibt’s das nicht längst schon, vielleicht sogar viel besser, als ich es jemals hinbekommen würde...?!“) ins Stadium der Verdichtung reifen, in dem der Rubikon überschritten ist („Chakaa, ich mach das jetzt einfach!“), um letztlich dem Funken des Projektes eine Form zu verleihen, die den schöpferischen Verve des Autors konserviert, aber gleichzeitig auch die über Jahre aufgebaute Expertise einfließen lässt („Ohjemine, jetzt hatte ich doch eine genaue Vorstellung, wie ich mir das Buch wünsche – und nun machen sie beim Verlag Anstalten, mir reinzuquatschen!“).

In diesem Spannungsfeld setzt Selfpublishing freilich einen interessanten Impuls, wird doch an der Autorität des Verlages kräftig gerüttelt: Von der „Oberchecker“-Instanz verwandeln Verlage sich mit diesem neuen Selbstverständnis zum Dienstleister. Die Autorin, der Autor pickt sich aus der Schatzschatulle des Verlages das zusammen, was sie oder er zu meinen braucht.
Und wenn jemand erpicht darauf ist, dem eigenen Buch ein Cover in batikfarbenen Pastelltönen zu verpassen – nun, dann ist das inzwischen kein Hinderungsgrund mehr, der sich dem Erscheinen in den Weg stellt.

 

Verlagshaus_Bielefeld

 

Die Gefahren entfesselter Vielfalt

Ich muss zugeben: Anfangs war ich ziemlich skeptisch, ob das Aufgeben dieser Gatekeeper-Vormachtstellung, wie klassische Verlage sie bisher innehaben, eine kluge Idee ist: Wird der Markt dann nicht überspült mit einer Flut an Titeln, der einfach niemand mehr gerecht werden kann? Im Journalismus nennt man die klassischen Medien ja „Gatekeeper“ – Türwächter, deren Aufgabe es ist, den Informationswust so zu organisieren, dass er für die Öffentlichkeit verdaubar wird. Und im Zuge der Digitalisierung wird ja oft beklagt, dass sich die Öffentlichkeit ohne große Mainstream-Plattformen (die gewissermaßen für Konsens sorgen und ein politisches System handlungsfähig machen) in viele kleine, nebeneinander existierende Informationsblasen zersprengt – in denen dann zum Beispiel auch extremistische Sichtweisen gedeihen können, ohne dass es bei den „BewohnerInnen“ der Informationsblase zu einem Abgleich mit dem gesellschaftlichen Konsens kommt.

Dieser Punkt hat wohl auch meine Skepsis im Bezug auf Selfpublishing begründet.
Inzwischen sehe ich das entspannter: Ja, durch Selfpublishing können nun Titel leichter auf den Markt gelangen, deren Inhalte ich als reichlich krude, mitunter auch als abwegig bezeichnen würde. Und es mag sein, dass Menschen nicht immer in der Lage sind, in der Flut des Angebots „schwarze Schafe“ zu identifizieren – so wie es auch einiges an Medienkompetenz voraussetzt, manipulative „Fake News“ als solche zu erkennen.

Insofern würde ich sagen: Es ist als Entwicklung zu begrüßen, dass Verlage von ihrem Sockel herunterkommen, dass eine neue Form von Augenhöhe entstehen kann, dass Türen sich öffnen wie jetzt am Samstag beim „Tag der offenen Verlage“. Aber wir sollten auch nicht dem Trugschluss auf den Leim gehen, dass eine totale Befreiung von Schranken erstrebenswert ist, wie sie Liberale in der politischen Sphäre einfordern.

Wie viel Freiheit braucht der Buchmarkt?

Ich denke: Es braucht nach wie vor eine Form von Regulierung, von Kontrolle.
Kein Selfpublishing-Verlag möchte, dass unter seinem Namen Grundwerte verletzende, beispielsweise hetzerische Inhalte veröffentlicht werden. Damit ergibt sich weiterhin ein Bedarf an Menschen, die sich auf das Veröffentlichen von Büchern spezialisiert haben – und die gegebenenfalls auch steuernd eingreifen. Adolf Hitlers „Mein Kampf“ ist nun, nach Ablauf der Urheberrechte, in Buchhandlungen frei erhältlich  – viel wurde in diesem Zusammenhang diskutiert, welche Form im Falle dieses brisanten Titels die Regulation haben kann, bis sich die Herausgabe einer kommentierten, kritischen Edition (die sich im ersten Jahr des Erscheinens gleich 85.000 mal verkaufte) als beste Lösung herauspellte.

Verlage sollten sich dementsprechend hüten, ein reines Herunterschrumpeln zum bloßen Dienstleister und Durchlauferhitzer willkürlicher Inhalte hinzunehmen. Sie haben einen kulturellen Auftrag, der mit viel Verantwortung einhergeht. Das sollte sie nicht hochnäsig machen. Aber sie sollten sich auch nicht unter Wert verkaufen, sondern tun gut daran, die Öffentlichkeit aufzuklären, worin ihre Arbeit denn nun eigentlich besteht (wenn so viele der Teilaufgaben „outgesourct“ sind, wie Joachim es in seinem Beitrag beschreibt). Und sie sollten kanalisieren, sie sollten mit hochwertigen Programmen Akzente setzen, indem sie wichtigen Titeln zu Aufmerksamkeit verhelfen, die ansonsten im Wust der Neuerscheinungen unterzugehen drohen.

 

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