Stille und innerer Frieden - Der Sonne entgegen

11.08.2016

„Ich existiere nicht, wenn ich alleine bin.“ Der Satz, den eine Patientin in einer Fallgeschichte des amerikanischen Autoren Irvin D. Yalom sagt, beschreibt ein Lebensgefühl, das der Psychiater Yalom für unentrinnbar hält. Solange noch keine Auseinandersetzung mit der existenziellen Isolation stattgefunden hat, ohne eine Konfrontation, wie sie etwa der „Dunkelretreat“ von tao.de-Autorin Saskia John darstellt, sähen wir ihm zufolge im Gegenüber zwangsläufig jemanden, der in uns ein banges Loch stopfen soll. Was daraus erwachse, seien keine authentischen Beziehungen, sondern ein Benutzen des anderen.

 

Spannende Zugänge zu einem essentiellen Thema des Lebens

 

„Brauchen“ wir andere Menschen, um in uns den Funken am Glühen zu halten, der uns über die klamme Einsicht hinweghilft, dass wir irgendwann einfach nicht mehr sind? Ist das einer der Gründe, warum wir anderen helfen:

Dass wir dadurch zwischen uns ein Geflecht spinnen, das uns gewissermaßen im Leben hält, weil wir meinen, dass andere aus Dankbarkeit unserer gedenken werden? Yalom verweist in dem Zusammenhang auf die mittelalterliche Figur des Jedermann, der vom Tod zum Sterben abgeholt wird – und einfach niemanden findet, der ihn auf diesem schweren Weg begleiten möchte – „Freunde“ nicht, auch nicht die allegorische Figur des „Besitzes“. Nicht einmal die „Erkenntnis“.

Bis sich am Ende die Figur „Gute Werke“ erbarmt und mit ihm geht.

 

Jedermann Bild

(Jedermann und der Tod, Salzburger Festspiele 2014, CC Lizenz)

 

 

Das erinnert mich an die ersten Friedhöfe, die nun eine Bestattung zusammen mit dem Haustier erlauben (wie der Tagesspiegel berichtet). Was ist davon zu halten? Makaber? Mich hat ein Besuch des Kasseler Museums für Bestattungskultur in der Hinsicht tief beeindruckt: Wer sich zwei Stunden Zeit nimmt, lernt eine Menge darüber, wie unterschiedliche Kulturen und Religionen mit diesem wichtigen, letzten Lebensereignis umgehen. In China gibt es sogar Bestattungen mit Striptease – nicht nur, wie dieser Artikel der FAZ suggeriert, um Trauergäste anzulocken, sondern auch als zugegebenermaßen für unseren Kulturkreis befremdliches Sinnbild, dass das Leben für die Hinterbliebenen weitergeht – mit allen Sinnesfreuden, die das Menschsein nun einmal so schmackhaft machen. 

Eine Vorahnung vom Abschiedsschmerz, der uns auf dem Sterbebett überkommen mag

 

Im Moment des Sterbens wird es keinerlei Ablenkungsstrategie mehr geben von der einen, wichtigen Frage, ob wir ein gutes, sinnvolles Leben geführt haben – oder ob wir das Glücklichsein zaudernd ein ums andere Mal auf die Zukunft verschoben haben. In diesen Momenten werden wir wohl kaum das Fernsehen einschalten, um uns mit einer Folge unserer Lieblingsserie abzulenken – und auch eine jetzt getätigte Amazon-Bestellung kommt womöglich nicht mehr rechtzeitig an.

Stattdessen steht vollkommen nackt eine Wahrheit vor uns – und ob diese schön oder grässlich anzuschauen ist, können wir jetzt nicht mehr wirklich beeinflussen. In buddhistischen Religionen gibt es bestimmte Meditationen, in denen wir uns darin üben, auf diesen Moment vorbereitet zu sein. Indem wir uns die Vergänglichkeit immer wieder in Erinnerung rufen. In der Malerei ist von Vanitas-Motiven die Rede – etwa Totenköpfe, die auf Gemälden zu sehen sind.  Diese Zeiten sind eindeutig vorbei. Verdrängt vom Trugbild der ewigen Jugend. Doch mit jeder Lebensetappe klopft diese Vergänglichkeit bei uns an und es ist sicher nicht einfach, sich dieser Vergänglichkeit zu stellen – so verlockend sind die vielen Möglichkeiten unserer Konsumskultur, sich auf andere Gedanken zu bringen.

 

Umso mutiger finde ich es, diese Zeiten des Alleinseins ganz bewusst anzusetzen. Zeiten, in denen es keine Ablenkung gibt. Was würde passieren, wenn ich wie Saskia John ganz bewusst für eine Weile in die Dunkelheit gehe? Auweia.

Gut, ich wüsste, dass die Dunkelheit nur vorübergehend ist. Zumindest im Kopf. Aber ob mein Herz sich da auch so sicher wäre?  Oder ob all meine Gedanken um diesen Moment kreisen würden, in dem ich endlich wieder ins Licht treten kann, dieser Sehnsucht des Lebens folgend, das auch in Bäumen stets der Sonne entgegenstrebt?

 

Wie wichtig und heilsam, aber auch schwierig die Auseinandersetzung mit dem Thema ist, zeigt auch die Zahl der Veröffentlichungen, die zum Thema bereits bei tao.de erschienen sind.

 

Mich würde interessieren, welches Buch Sie beim Thema Einsamkeit und Vergänglichkeit zuletzt inspiriert hat. Bei mir war es „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells .

 

Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen.

 

Herzlich,

Ihr Andreas Klatt