Mit dem Taxometer in den Garten Eden

21.04.2016

Mit bald 33 Jahren fühle ich mich selbst noch weit entfernt vom „gealterten Mann“. Sicher, es gibt diese Momente, wo das Sprießen eines ersten weißen Haares oder ein Besuch beim Versicherungsvertreter an der (illusionären) Gewissheit rütteln, dass sich das gewohnte Spiel von Aufstehen – Alltag erleben – Schlafenlegen wohl bis in die Ewigkeit wiederholen wird. Bereits jetzt weiß ich, dass im Jahr 2048 ein Brief bei mir eintrudeln wird mit dem Bescheid, wie viele Euro mir meine Lebensversicherung fortan monatlich ausschütten wird. Aber genauer betrachtet ist auch diese Gewissheit illusionär:
Welche Lebensmöglichkeiten wird mir dieser Betrag zu dem Zeitpunkt eröffnen? Was wird der Espresso im Café dann kosten? Und wird es Briefe überhaupt noch geben? Welche Lösungen wird die Menschheit bis dahin ersonnen haben, auf die unvermeidliche Endlichkeit allen irdischen Lebens – der Erde selbst eingeschlossen – eine„probate“Antwortzu finden?

 

Ja, Jürgen Fliege: Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns früher oder später eingestehen, dass unsere Potenz als einzelner Mensch und als Zivilisation klar „umzäunt“ ist: Wir können Autos bauen, die in Windeseile von 0 auf 100 beschleunigen. Wir können Menschen in die Schwerelosigkeit schießen, wo ihre körperliche Masse anderen physikalischen Gesetzen gehorcht als auf der Erde. Und wir können beschließen, Menschen auf der Flucht eine Grenze vor die Nase zu setzen, um sie am Übertritt ins verheißungsvolle Neuland zu hindern.

 

Dem Seienden im Strom der Umgebung Bedeutung verleihen

 

Wer sich einmal mit Sinnestäuschungen beschäftigt hat, weiß, dass unsere Wahrnehmung Gesetzen gehorcht, auf die wir keinen Einfluss haben. Zwei Flächen, deren Farbe eigentlich identisch ist, nehmen wir bei der entsprechenden Kontexteinbettung als unterschiedlich wahr. Das ist weitaus mehr als ein „netter“ Effekt! Es zeigt, wie unser Bewusstsein angelegt ist: Es ist darauf spezialisiert, allem Seienden im Strom der Umgebung Bedeutung zu geben – und nicht isoliert von diesem Strom. Wenn ich zum Zug muss und spät dran bin, hat die gelbe Farbe eines Taxi-Autos eine ganz andere Bedeutung als bei meiner Ankunft an einem lauen Frühlingsabend, nachdem ich in mir die Lust auf einen kleinen Spaziergang wahrgenommen habe. Derselbe Reiz, eine andere Wirkung.

 

Letztlich ist auch das Altern nichts anderes als so ein Reiz, der irgendwann beim Verlassen eines Bahnhofsgebäudes auf uns wartet. Vielleicht merken wir, dass wir beim Herunterschleppen des Koffers vom Bahnsteig einen Tick länger brauchen. Oder dass wir – wo wir früher in solchen Momenten bereits eifrig damit beschäftigt waren, die nächsten Stunden durchzuplanen – viel intensiver die gegenwärtige Freude wahrnehmen können, gleich einen geliebten Menschen zu treffen. Zugegeben: Einen Unterschied gibt es. An diesem Taxi können wir nicht einfach unbescholten vorbeigehen. Als Menschen bleibt uns nichts anderes übrig, als uns in dieses alternde Taxi hineinzusetzen. Was wir dann mit dieser Situation anstellen, ist Ausdruck unserer Freiheit! Jammern wir, dass es in diesem Auto nicht so gut riecht, wie wir das gern hätten, und dass dieses nervige Taxometer schon weiterläuft, obwohl wir doch gefühlt grad „erst eingestiegen sind und noch herumstehen“? Oder besinnen wir uns so weit, dass wir den Fahrer bitten können, uns zum nächsten Garten zu fahren? Irgendwann ist es vorbei, sind Euros und Taxibenzin verbraucht und die Reise hat ein Ende. Aber bis es so weit ist,können wir als Menschen in einer recht freien Gesellschaft Einfluss darauf nehmen, wohin wir mit unserem Leben steuern.

Das System Leben hört am Gartenzaun nicht auf

Interessanterweise ist inzwischen zunehmend bekannt, in welchem Maße Bäume untereinander kommunizieren. Wir sehen: Das System Leben hört am Gartenzaun nicht auf! Diese Form von Grenzziehungen sind für das System Leben genauso absurd wie Landesgrenzen, die letztlich auf nicht mehr als Konventionen beruhen. Im Interview beschreiben Sie, Jürgen Fliege, wie der Zaun dennoch „eine hilfreiche Markierung“ sein kann: „Er liefert mir Orientierung. Hier kann ich ordnen, bis hier reichen meine Kräfte.“

Diesen Punkt finde ich interessant: Das Bild, als Mann im Alter gelernt zu haben, mit Kräften hauszuhalten. Mich nicht mehr als Jungspund, dessen Ego sich in der Strahlkraft von heldenhaften Taten sonnen möchte, beweisen zu müssen, wie es dieses kluge Buch  über männliche Archetypen beschreibt. Sondern als weiser Mann demütig um das Wilde zu wissen, das über die Begrenzung meines eigenen Lebens hinausreicht. Und mir dennoch proaktiv einen Bereich zu suchen, in dem ich wirkmächtig bin. Und sei es die Teilnahme an einer Großveranstaltung wie der TTIP-Demo in Hannover. Das passt zur Formel, die das Psychologenpaar Paul und Margret Baltes für erfolgreiches Altern gefunden hat. Sie empfehlen „selektive Optimierung mit Kompensation“. Meint konkret: Wir entscheiden selbst, was wir anstreben. Und üben uns in dem, was wir für am wichtigsten erachten. Und wenn sich altersbedingt Verluste ankündigen, greifen wir unter Einsatz unserer Kreativität auf Alternativen zurück. Dem berühmten Pianisten Artur Rubinstein ist es so gelungen, bis ins hohe Alter virtuose Konzerte zu geben. Befragt, wie ihm das gelänge, gab er an, er beschränke sich inzwischen auf weniger Stücke, übe diese häufiger und baue mehr Verlangsamungen vor schnelleren Passagen ein, sodass die Spielgeschwindigkeit schneller wirkt, als sie es eigentlich ist. Übertragen wir diese Strategie auf unsere Taxifahrt, fragen wir uns vielleicht bereits vor Antritt der Reise, ob sie wirklich nötig ist. Und bleiben im Zweifel lieber einmal mehr im Garten sitzen, wo uns im Gegensatz zur oftmals künstlichen Welt eine zwar domestizierte, aber nichtsdestotrotz intakte Natur umgibt. Sozusagen eine Wildnis en miniature.

Es bleibt die Frage:

Ist wahre Wildnis überhaupt möglich?
Ist sie gleichbedeutend mit Erleuchtung?
Oder können wir letztlich nur ein ums andere Mal Gartenzäunehinter uns lassen?

Dazu ein Filmtipp: Der aktuelle Kinofilm „Wild“ greift diese Sehnsucht nach Wildnis im Künstlichen sehr spannend auf: Eine Frau trifft im Park einen Wolf. Und entschließt sich, dieses wilde Tier einzufangen und in ihre Wohnung zu sperren. Was als fixe Idee anfängt, setzt eine Kaskade der Veränderung in Bewegung.
Sie lernt vom Wolf das Ausbrechen, reißt die ausgelatschte Fassade eines spröden Lebens wie einen zu eng gewordenen Gartenzaun unwiederbringlich ein, um „wölfisch“ zu leben.

Zum Abschluss auch noch ein Termintipp für Männer jeden (!) Alters: Vom 4. bis zum 8. Mai treffen sich wieder Männer in einem selbstorganisierten Rahmen, um in Workshops und Begegnungen die vielen, vielen Facetten des Mannseins zu erkunden.
Ich war beim letztjährigen Treffen in Bielefeld dabei und beeindruckt, dass es viel mehr Formen gibt, Männlichkeit zu leben, als meines Wissens nach Gartengewächse existieren – ist nicht auch das eine Form von Wildnis?