Gläsern bis zur Schmerzgrenze

16.02.2017

Fürwahr, das Internet ist wirklich ein seltsames Gebilde: Einerseits stoße ich in Gesprächen immer wieder auf die Meinung, dass es uns als Gesellschaft kostbare Potenziale eröffnet – etwa, weil wir uns von Geschehnissen auf dem Globus ein Bild machen können, wie es früher schlichtweg nicht möglich war, oder, weil wir uns mit Menschen vernetzen können, die ähnliche Interessen haben und die uns ohne das Internet nie und nimmer begegnet wären (oder wir hätten es nicht zu würdigen gewusst) –, andererseits sprichst Du diesen gläsernen Aspekt an, der einem sehr wohl Unbehagen bereiten kann. [Joachim's Beitrag kannst Du Dir hier noch einmal anschauen

 

Wenn eine Molkerei damit wirbt, sie habe eine „gläserne Manufaktur“, dann soll das Ausdruck von Transparenz sein: Wir können hingehen und uns vor Ort mit eigenen Augen schlau machen, wie die Milch in der Flasche landet.

 

Algorithmen haben keine Moral

 

Wenn das Internet dieses Gläserne großspurig für sich beansprucht, dann ist das Quatsch. Alles wird, da hast Du recht, so wunderbar komfortabel, dass wir uns von der Oberfläche blenden lassen und verdrängen, dass hinter dieser Oberfläche lauter Algorithmen am Werk sind. Und diese Algorithmen haben nicht so etwas wie ein Gewissen oder eine Moral. Sie machen das, wozu sie programmiert wurden.

 

In der Regel ist das die Umsatzvermehrung – schließlich ist das in unserem Kapitalismus das Hauptziel, dem sich alles weitere unterzuordnen hat.

 

Aber hier müssen wir mehr unterscheiden, als Du es in Deinem Beitrag tust, Joachim: Bewege ich mich wie ein hohler Lemming in den Fängen irgendwelcher Unternehmen, die aus mir Profit quetschen wollen? Oder bewege ich mich auf digitalem Terrain, das eben NICHT der Profitlogik untersteht? Ja, ein solches Terrain gibt es. Die Common Source-Bewegung beispielsweise trutzt eine ganze Weile schon der Macht großer Konzerne. Menschen programmieren sich selbst ihre Software auf eine Weise, die auf Werte wie „Kooperation“ und „Wissen dem Gemeinwohl zur Verfügung stellen“ setzt.

 

Das geht bei Dir unter.

Der splitterfasernackte Konsument

 

Du richtest den Fokus auf den Totalitarismus, der mit so einer Pseudo-Transparenz einhergehen kann (wie es auch dieser interessante, in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienene Essay tut).

 

Und ja: Es ist gruslig, wenn die Firma Acxiom mit dem Slogan "Wir bieten Ihnen einen 360-Grad-Blick auf Ihre Kunden" wirbt und personenbezogene Daten wie Konsumverhalten, Familienstand, Beruf, Vorlieben, Hobbys, Wohn- und Einkommensverhältnisse erhebt. Wer da ökonomisch wenig renditeversprechend daherkommt, bekommt von dem Unternehmen – leider kein Scherz – einen Stempel mit der Bezeichnung "waste", also Abfall, verpasst.

 

Aber werden wir durch Big Data zu Marionetten, indem diese Algorithmen gewissermaßen „Herrschaftswissen“ generieren? Wird „Vertrauen“ als Bank des Menschseins und Würdehabens gerade abgeschafft, weil durch die Daten ungeahnte Kontrolle möglich wird?

 

Konsumentscheidungen an Algorithmen delegieren – eine neue Form von Freiheit?

Nun, in der „Zeit“ geht ein Journalist noch einen Schritt weiter: Er geht davon aus, dass wir Konsumentscheidungen bald nicht mehr selbst treffen, sondern dass Computer zum Adressaten von Werbung werden: Unser Kühlschrank sucht – basierend auf seinem Wissen, welche Vorlieben und Gewohnheiten wir haben – den passenden Joghurt für uns aus. Und wenn wir hin und wieder mal eine Überraschung erleben wollen – na, dann landet eben auch das im Algorithmus!

Das meines Erachtens Positive an dieser Aussicht, so lange sie sich auf Güter wie Joghurts beschränkt: Als Konsument könnten Marketinganstrengungen fortan an mir vorbeigehen, weil ich dieses Entscheiden an eine künstliche Intelligenz delegiert habe. Einerseits mag das meine Freiheit beschneiden – aber ist es wirklich Ausdruck von Freiheit, vor dem Kühlregal zwischen 30 Sorten wählen zu können? Ich würde sagen: Nein! Das Delegieren von dieser Freiheitsform fände ich aushaltbar, weil Städte dann nicht mehr zugekleistert sein müssten mit Werbebotschaften. All das würden Rechner unter sich ausmachen. Und meine Aufmerksamkeitsressourcen wären befreit, sich mit Sinnvollerem zu beschäftigen.

Und vielleicht hätte das auch den positiven Nebeneffekt, dass nicht mehr so viele Lebensmittel produziert würden, die später auf dem Müll landen, weil eine von Computern gesteuerte Nachfrage viel kalkulierbarer ist.

Diskutieren, wo Regulierung ansetzen soll

Das Blöde ist nur: Da wird die Entwicklung nicht Halt machen. Der Staat wird digital in unsere Kühlschränke hineingucken und so Daten über unsere Ernährung erheben können. Kenntnisse, die auch Krankenkassen interessieren dürften, indem sie Kunden Vorteile gewähren, die sich gesund ernähren. Und wir wollen sicher, wenn es um Kulturgüter wie Bücher geht, nicht „diktiert“ bekommen, welches Buch wir lesen sollten. Jedenfalls habe ich bei amazon-Empfehlungen ein Unbehagen, auch wenn ich gestehen muss, dass schon Entdeckungen dabei waren...

Hier sollten wir als Gesellschaft frühzeitig diskutieren (interessanter Artikel dazu, ebenfalls aus der Zeit), an welcher Stelle wir mit Gesetzen regulierend eingreifen, damit wir nicht eines Tages in Orwells „1984“ aufwachen. Denn, ganz klar: Algorithmen können etwas Diskriminierendes haben, etwa, wenn sie bei Bewerbungen Menschen bevorzugen, die in der Nähe wohnen – aus dem Erfahrungswissen schöpfend, dass solche statistisch gesehen der Arbeitsstelle länger treu bleiben.

Wenn wir solche Regulierungen aber klug diskutieren und einführen, dann bin ich überzeugt, dass die Digitalisierung ein Segen sein kann, in dem eben die Stärken mehr zum Tragen kommen als die Risiken. Es ist wohl so wie in der Indianer-Weisheitsgeschichte, bei der es darum geht, welchen der beiden Wölfe in unserer Seele wir tagtäglich mit unserer Ausrichtung und unseren Entscheidungen nähren.


 

Felder schaffen, auf denen wir Sinn generieren

Wenn wir bei diesem hochkomplexen Thema Digitalisierung dranbleiben und uns eine eigene Haltung erarbeiten, dann sind wir nicht mehr Opfer der Entwicklungen, die da über uns hereinzubrechen drohen – sondern können gestalten. Wir lassen uns von der Angst vor dem, was kommen mag, nicht mehr einwickeln, sondern können durch sie hindurchgehen, wie Ina Kern es in ihrem Buch „Angst macht frei“ beschreibt.

Das Erarbeiten dieser Haltung allerdings, so viel ist klar, kostet Zeit, es fordert uns auf, auf die Suche nach Informationen zu gehen und diese für uns zu einem Mosaik zusammenzusetzen. Insofern begrüße ich auch die Veränderungen der Arbeitswelt – hier deutet ja vieles darauf hin, dass den Menschen insgesamt mehr freie Zeit zur Verfügung steht, weil Maschinen das Rudern übernehmen – und, dass Arbeit in absehbarer Zeit gerechter aufgeteilt werden kann.

Nämlich so, dass nicht mehr einige Menschen 60 Stunden in der Woche schuften, während anderen dieses Feld der Sinngenerierung verschlossen bleibt.

Ich wünsche mir, dass wir uns als Gesellschaft neue Felder erschließen, auf denen jeder einzelne Sinn für sich generieren kann. Und in dem Wissen bestärkt wird, dass er mit seinem Sein – seinem „Ich bin“, wie Christine Kloess es nennt – zum Entstehen des „WIR“ beiträgt. Wie vielfältig die Wege hierbei sind, davon zeugt das Themenspektrum bei tao.de.

 

Hier erfährst Du, was weiter Joachims Aspekte zur Digitalisierung sind >>>

 

 

Kommentare

Seiten