Begegnen ohne den „Ich muss was schaffen“-Pegel

24.03.2017

Da sprichst du einen spannenden Punkt an, lieber Joachim: Als soziale Wesen sind wir darauf angewiesen, echte Begegnungen zu haben, sie zählen zu unseren Grundbedürfnissen.
Man denke nur an die grauseligen Experimente, bei denen aufwachsenden Kindern zu Forschungszwecken liebevolle Zuwendung vorenthalten wurde. Heutzutage kaum denkbar, aber es ist gar nicht einmal so lange her, dass ausreichend Nahrung und Wasser als hinreichende Voraussetzungen fürs Gedeihen erachtet wurden.

 

Sehnsucht nach Nähe

 

Heutzutage gibt es an vielen Orten Kuschelpartys, die den Mangel an Begegnung, Kontakt und Berührung in der Gesellschaft zu kompensieren versuchen. Und immer wieder stoße ich in Gesprächen darüber auf die Reaktion „ganz schön schräg – aber irgendwie auch etwas, das mit einer Sehnsucht in mir in Resonanz geht“. Was ist da los?

 

Ich muss bei dem Thema unweigerlich an Vivian Dittmars Buch „beziehungsweise“ denken – sie unterscheidet vier Persönlichkeitsschichten, wobei die äußerste, in Anlehnung an Karl Marx, die sogenannte Charaktermaske ist: Hier bewegen wir uns auf „sicherem Terrain“. Wir wissen, was den anderen irritieren würde. Und leben im Modus des „geringsten Widerstands“. Den Alltag mögen wir auf diese Weise gewuppt bekommen. Aber wie Du schon schreibst: Das Erleben von „Fülle“ im Kontakt verkümmert, wenn wir nur diesen Modus kennen. Darunter liegt bei Dittmar die Verteidigungsschicht: Hier sind die Interaktionen aufrichtiger, aber letztlich verharren sie in der Logik von „richtig“ und „falsch“, es geht um „Sieg“ und „Niederlage“. Erst darunter dringen wir zu der zarteren „Beziehungs- oder Bedürfnisschicht“ vor. Hier wird es möglich, sich mit inneren Fragen und Zweifeln zu zeigen, mit Halbfertigem und Verletzlichkeit.

 

 

Unser Bedürfnis im Kreuzfeuer der Glaubenssätze

 

Du hast Recht: Im Alltag, besonders im beruflichen, lassen wir uns allzu oft von vermeintlichen Zeiterfordernissen diktieren, wie viel Aufmerksamkeit wir einer Begegnung schenken können, ehe in uns ein Alarmsystem anspringt, das etwas sagt wie: „Hey, Moment mal: Du drohst dich zu verzetteln! Wenn du jede Begegnung so gemütlich angehst, wirst du heute Abend nie und nimmer das geschafft haben, was du dir eigentlich vorgenommen hattest.“

 

Welchen Anteil in uns lassen wir ans Steuer, dass dieser Radar die Prioritäten derart angeordnet sieht und Effizienz oft über das Bedürfnis nach Kontakt und Begegnung stellt? Wenn ich dem nachspüre, würde ich sagen: Häufig ist es eine Angst. Angst vorm Versagen; davor, nicht zu genügen und unliebsame Konsequenzen befürchten zu müssen, wenn wir uns unsere Daseinsberechtigung nicht mühsam „erarbeiten“. Ohne zu tief in die Lehren von Karl Marx einsteigen zu wollen, stellt sich da doch die Frage: Inwiefern haben wir es auch heute, wo wir eigentlich nicht mehr dem Joch der Industrialisierung unterworfen sind, mit einer Entfremdung von uns selbst zu tun, die mit Faktoren verbunden sind, auf die wir sowohl individuell als auch gesellschaftlich eigentlich Einfluss hätten...? Sicher, da spielt auch unsere Erziehung mit hinein – die verheerende frühe Erfahrung, dass Anpassung eine angemessene Strategie ist, die überlebensnotwendige Bindung zu einer Bezugsperson zu sichern.

 

Liebe, Nähe, Menschen

 

Ein Leben jenseits der Charaktermaske

 

Aber mal ehrlich: Wenn wir uns für einen kurzen Moment das wilde Träumen erlauben – wie würde unser Alltag aussehen, wenn es diese Verknüpfung nicht gäbe? Wenn wir darein vertrauen könnten, dass wir uns auch jenseits der Charaktermaske begegnen können, dass es auch mal scheppern darf in einer Konfrontation, dass wir uns verletzlich zeigen dürfen, ohne gleich befürchten zu müssen, dass das an unserer Autorität kratzen könnte...? Ich glaube: Es würde sich sehr viel mehr nach Dschungel anfühlen. Mit allen Vor- und Nachteilen, die das hätte: Keine feinsäuberlich gefegten Gehwege mehr, die wir züchtig entlangflanieren können, sondern verschlungene Pfade, wo wir all unsere Sinne brauchen, um uns zu orientieren, um mit der Umwelt in Kontakt zu sein. Das wäre lebendiger. Und riskanter. Aber vielleicht gibt es zwischen dem Dschungel und dem gesitteten Park auch noch Zwischennuancen? Wie könnten die aussehen?

 

Eine wirklich spannende Frage und wir laden Euch herzlich dazu ein, mit uns diesen Punkt hier zu diskutieren.

Wir freuen uns über Eure Beiträge!